Ewan McGregor strahlt in der Inszenierung seines Regiedebüts Qualitäten aus, die gleichsam auf sein darstellerisches Können umgemünzt werden können: Glatt und charmant soll sich an den Kern des Menschlichen gemacht, mit intensiven Gesten und doch austauschbarer Melodramatik der Diskurs angefacht werden. Klar ist auch, dass sich der Herr selbst in der Hauptrolle besetzt und die Empathie zentral auf sich richtet, um Philip Roths „Amerikanisches Idyll“ zu adaptieren. Darin geht es wiederum um die Musterfamilie des Provinzsonnenjungen Seymour Levov (McGregor), genannt der Schwede, der Anfang der sechziger Jahre zu Beginn des Vietnamkriegs allmählich zerbricht. Grund dafür ist, dass sich Tochter Merry (Dakota Fanning), die er mit Ex-Miss-New-Jersey Dawn (Jennifer Connelly) in seliger Behütung aufzog, dem Widerstand wegen so radikalisiert, dass es allmählich Tote gibt und sie untertaucht, auf dass sich ihr Vater verzweifelt auf die Suche nach ihr macht. So unschuldig die Prämisse auch klingt, ist McGregors Umsetzung ein Bündel fragwürdiger Charakterzeichnung und erzkonservativer Ideologien, das im pathetischen Drama auf Extreme der Plakativität setzt, um an der Oberfläche der Anti-Establishment-Psychologie zu kratzen und jenen Vater im Gegenzug als amerikanischen Helden zu stilisieren.

Angefangen im Bilderbuch-Americana der Fünfziger, ist die Bemühung um Nuancen schon nicht existent, wenn Familie Levov innerhalb von jüdischen und katholischen Wurzeln blendend miteinander auskommt, die achtzig Prozent an schwarzen Arbeitern in der Lederfabrik von Levov-Daddy Lou (Peter Riegert) ebenso mit Freude dabei sind und die kleine Merry auf dem Familiengut mit den Kühen ihrer Mutter spielt. Alles könnte super sein, wenn Merry denn nicht stottern würde, was Psychotherapeutin Dr. Sheila Smith darauf zurückführt, dass sie sich von der Schönheit der Mutter eingeschüchtert fühlt und die Liebe des „handsome dad“ erfahren möchte. Obgleich diese Theorie mit Kaltschnäuzigkeit von konstruiertem Antagonismus zeugt, schöpft der Film daraus ein Gros an selbsterfüllenden Prophezeiungen, in denen sich grundlos bewahrheitet, was der normierte Amerikaner ohnehin befürchtet. Als sich dann auch auf der heimischen Mattscheibe noch Mönche anzünden und Bomben auf Hanoi abgeworfen werden, ist der Verlust der Unschuld der Nation sicher, doch um dies zu hinterfragen, ist der Film dann wieder zu verschämt. Stattdessen spult er ein paar Jahre vor und präsentiert eine Merry, die Mutter wie Vater mit chargiertem Gefluche entwächst und pausenlos jede Näherung verweigert.

Da ist es auch nie genug, wenn Vater Seymour die Arbeiter der Fabrik gegen Reservisten verteidigt: Wer zum Spießertum gehört, hat bei ihr ausgespielt, auch wenn sich die Erziehung weiterhin in nonkonfrontaler Liebe auszeichnet, die auf frühere Verhältnisse der Hoffnung bauen mag. Diese sind filmisch auch derart süß und diplomatisch verpackt, dass sie wichtiger werden als jede Form von kohärenter Charakterentwicklung, so ausnahmslos konträr die Tochter nur eine Weisung des Vaters annimmt – nämlich jene, einen Wandel in der Gesellschaft schon vor Ort zu versuchen, anstatt die großen Allüren der Jugend spielen zu lassen. So wie der Film den nationalen Widerstand gegen den Vietnamkrieg zu zeichnen imstande ist, äußert sich dies sodann darin, dass Merry das Postamt sprengt und mit einer Art Sekte anbandelt, die dem FBI wohlbekannt ist. Über den Großteil der Laufzeit ist Merry damit nur noch als bloßes Spannungsventil vorhanden, während die Dämonisierung eines linken Untergrunds kontinuierlich voranschreitet. Gattin Dawn erleidet in diesem Sinne einen Nervenzusammenbruch, während der Schwede Besuch von einer Revolutionärin bekommt, die mit karikiert fiesem Gehabe den Verbleib seiner Tochter provoziert.

McGregor ist immer nur wenige Schritte vor der Initiierung des Charles-Bronson-Modus, ehe der Vater die Spur aufnimmt, ab und an im Thrillerterrain landet und bald ein Milieu totaler Verwahrlosung vorfindet. Letzteres ist als Stellvertretung linker Tendenzen natürlich zur Apokalypse der Indoktrination geschlussfolgert, dem Anliegen wegen frei von jeder Persönlichkeit, die das familiäre Bilderbuchprinzip dem Kind von vornherein schon nicht zugelassen hat, jetzt aber an verrotteten Zähnen und Gettozugehörigkeit leidet. Da ist nichts mehr zu retten, und doch soll die Liebe eines Vaters hier unsterblich sein, auch wenn Roths narrativer Rahmen durch die Erzählerfigur Nathan Zuckerman (David Strathairn) die Vergänglichkeit in der Begegnung mit dem Anderen befeuert, Amerika triumphieren lässt, ohne einen Deut der Selbstreflexion anzustellen. Bei knapp zwei Stunden Laufzeit möchte man meinen, dass sich der Film seiner Herzensangelegenheit der Tochter zuliebe damit wenigstens beschäftigen würde. Doch weit gefehlt.

Die überdramatisierten wie simplistischen Konflikte reißen nimmer ab, als sei der Film so energisch mit der Naivität seines Protagonisten verbandelt, dass nur dessen Perspektive die richtige wäre. Die inszenatorische Gewichtung deutet unmissverständlich darauf hin, doch ist sie für ein Regiedebüt fähig genug, genau die sentimentalen Panoramen zu finden, wie sie ein Robert Zemeckis nicht minder groß anlegen würde. Das Ensemble, das McGregor um sich sammelt, weiß ohnehin eine gelungene Repräsentation seiner schwach etablierten Figuren zu erwirken, selbst in einem Cameo für Samantha Mathis. Blöd nur, wenn letztendlich eine Abziehfigur nach der anderen am Bewusstsein des Zuschauers vorbeizieht und entsprechende Dialoge selbst eine gestandene Jennifer Connelly zwischenzeitlich als Amateurin ausweisen. Alles wohlgemerkt im Sinne einer Geschichte psychologischer Verstörung, innerhalb derer die Ideale auf den Prüfstand gelangen sollten, in ihrer Krise aber nur beweihräuchert werden. Für manche ist das sicherlich Balsam für die Seele, so wie der Film sich nicht offensichtlicher als Parallele zu aktuellen Ereignissen sehen will, eine Ära des Anti-Establishment quasi mit der Erscheinung radikalen Islamismus gleichsetzt, doch egal, welche Gründe er für beiderlei feststellen will, er kriegt sie nur in vagen Klischees eines platten Melodrams zu fassen.

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