Was wäre der Mensch nur ohne Rituale? Ziellos im Wirbel der Möglichkeiten? Ehe der Leser sich auf diese Fragen jedoch eine dystopische Anarchie zusammenfantasiert, lässt sich feststellen, dass das Gefühl der Vorfreude dieser Tage am ehesten auf Ankündigungen, Terminen und Erwartungen basiert. In manchen Zirkeln hat man sogar das Glück, mehrmals von der Vorfreude ergriffen zu werden – als Beispiel seien im Sinne dieser Seite Cinephile genannt, die eben nicht nur mit dem einen Film vorlieb nehmen wollen und müssen. So können der Sehnsucht wegen scheinbar nicht genug Nachrichten und erste Eindrücke tagein tagaus in den Feed flattern, wann denn jetzt das nächste Meisterwerk in den Startlöchern steht. Ehe man sich versieht, landet man so zum zweiten Jahr in Folge auf der Pressekonferenz des 24. Filmfest Hamburg im Nachtasyl des Thalia Theaters am Alstertor, wenige Meter auf dem Weg zwischen der dicht bewanderten Mönckebergstraße und dem Jungfernstieg größter Berühmtheit angesiedelt. Das Nachtasyl ist über knapp drei Stockwerke an Treppen zu erreichen, für die Raucher unter uns also stets mit Extratouren verbunden und auch dann nicht leicht, wenn über dreißig Grad herrschen. Wäre trotzdem doof, bei diesem Trubel nicht mitzumachen, denn kühle Gratisgetränke lassen sich an der Bar ordern, ehe nach der Konferenz weiterer Proviant ausgeteilt wird.

Um die Beschreibung jenes Parts wird sich der Autor dieser Zeilen aber sträuben, schließlich ist die Vorfreude doch in aller Munde, um die sich weitere hinzukommende Kollegen versammeln, Plätze in der ersten Reihe reservieren und kollektiv der Werke des Weltkinos harren, die noch fürs Festival bestätigt werden, nachdem sich in den letzten Wochen einiges summierte: Cannes-Favoriten wie „Personal Shopper“ von Olivier Assayas, „Einfach das Ende der Welt“ von Xavier Dolan oder „American Honey“ von Andrea Arnold standen mit deutschen Verleihern als Rückenwind früh fest, während der Eröffnungsfilm „Amerikanisches Idyll“ damit ins Rennen ging, dass Regisseur wie Hauptdarsteller Ewan McGregor inklusive Co-Star Jennifer Connelly vor Ort sein würde. Dass Olivier Assayas laut Anwesenheitsliste ebenso im Rahmen des Festivals gastiert, wurde auf der Konferenz hingegen gar nicht erst erwähnt. Kann ja mal passieren, allerdings argumentiert Festivalleiter Albert Wiederspiel dennoch durchweg, dass dieses Jahr schlicht niemand da wäre, dem man den Douglas-Sirk-Preis verleihen könnte (letztes Jahr wurde Catherine Deneuve geehrt). Sei es drum, bei der Menge an Organisation kann nicht alles perfekt sein, obgleich die Vielzahl an Kategorien durchaus mutig um den ganzen Globus geht. Programmleiterin Kathrin Kohlstedde, seit 1998 für das Filmfest tätig, schlägt insofern galant den Bogen um Schwerpunkte wie das nordamerikanische Kino der Gegenwart in der Reihe „Transatlantik“ hin zum französischsprachigen Filmbestand „Voilá“ (Québec miteinbezogen), während Roger Alan Koza in Einspielern auf das spanisch- wie portugiesischsprachige Ensemble der „Vitrina“ sowie auf die Retrospektive der „Mexiko Deluxe“ hinweist.

Jens Geiger beleuchtet sodann neben dem politischen Fokus der Reihe „Veto!“ den selbsterklärenden „Asia Express“ und erklärt zudem eine neue Zugänglichkeit, die man als solche eigentlich gar nicht mehr ankündigen muss, nämlich jene zum Genre. Wenige Tage zuvor hatte man diese in einer Mail angekündigt, zu der unter anderem „Rester Vertical“ von Alain Guiraudie und (gottseidank auch) „Elle“ von Paul Verhoeven hinzugezogen wurden. Der bittere Beigeschmack allerdings äußert sich auf der Konferenz wie folgt: Zum Einen bestätigt Albert Wiederspiel in klaren Worten, dass „Elle“ noch immer keinen Verleih habe und „hier nicht im Kino laufen wird“ – so final man sich nicht darauf festlegen möchte, so sicher kann man inzwischen dennoch sein, dass die Mutlosigkeit bei deutschen Verleihern keinen Zugang zu jenem Werk von Altmeister Verhoeven erlauben wird. Zum anderen lässt Geiger wissen, dass das Wort „Genre“ zwar (offenbar) eher negativ an die Tage von Bahnhofskino und Co. erinnern lässt, die hier gezeigten Filme mit ihren Anspielungen „natürlich aber weit besser“ seien. Diese unnötige Abgrenzung von Genre und echtem Kino, gar diese implizierte Entschuldigung in Richtung Publikum, diesem Genrefilme zeigen zu wollen, sollte endlich der Vergangenheit angehören – manche Rituale wird man wohl nie los, genauso wie die extensive Nennung von Sponsoren. Was jetzt aber nach einem Kanon des Negativen klingt, ist natürlich nur Teil eines Gesamteindrucks, der sich vor allem durch Transparenz und Nähe auszeichnet, so low-key sich die Mannschaft auf der Bühne abwechselt, um Themen und Highlights vorzustellen, binnen derer das Engagement zur tagesaktuellen Relevanz berücksichtigt zu haben (in Polen kommen jetzt wohl „Anti-Ida-Filme“ in Mode) sowie die Künstler und deren Stellenwert beim Namen zu nennen.

Manchmal überlässt man Trailern (unter anderem zum Psycho-Genre-Mix „Motel Mist“) das Wort, in anderer Instanz aber kristallisieren sich aus den jeweiligen Kategorien enthusiastische Empfehlungen heraus wie jene zu Kelly Reichardts „Certain Women“, zu Lav Diaz’ jüngstem Venedig-Gewinner „The Woman Who Left“ oder zum einzigen Spielfilm der Reihe „Hamburger Filmschau“, Florian Eichingers „Die Hände meiner Mutter“. Autorenfilmer wie Jim Jarmusch, Cristian Mungiu, Hong Sangsoo und So Yong Kim sind ebenso mit von der Partie. Grundsätzlich liegt die Betonung eben auf dem Aspekt des Weltkinos und hat mit einem Angebot von 165 Filmen durchaus eine Menge zu bieten, worauf die Veranstalter zu Recht stolz sein können und sich dennoch eher Zeit lassen, sich bei den Unterstützern für deren Mithilfe zu bedanken. Hamburg könnte prahlen, aber bleibt auf dem Teppich und lädt zum Genießen ein – ein schöner Ansatz. Dementsprechend sind auch viele weitere Aspekte voller Bescheidenheit im Oberbegriff Filmfest Hamburg eingebettet: Julia Römling stellt als Leiterin des Kinder- und Jugendfilmfest Michel dessen Programm und ihre Crew an Kid-Journalisten vor, woraufhin Katrin Klamroth einen groben Überblick auf die Veranstaltungen der Studio Hamburg Lounge im Festzelt beim Grindelhof gibt, in dem sich wie gehabt Gespräche, Diskussionen und Konzerte en masse abspielen werden. Autor Friedemann Beyer weist zudem auf die Reihe „16:9“ hin, in der hiesige Fernsehproduktionen zur Leinwandehre gelangen – und irgendwann weiß man vor schierer Fülle nicht mehr, auf was man sich zuerst einlassen soll. Ausgeteilte Pressemappen regeln den Blutdruck wiederum ein bisschen runter und im gemeinsamen Umtrunk kann weiter fröhlich geschnackt werden, was in nächster Zeit Furore machen könnte, welche Details man sich bei der Konferenz hätte sparen können (sie ging an die 100 Minuten) und warum dieser Herbst noch immer nicht so richtig begonnen haben möge.

Warum sollte er auch, wenn die Laune wieder so manche neue Höhen in Aussicht hat, da vom 29. September bis zum 08. Oktober 2016 sicherlich kein Weg ums Kino herumführen wird. Wie viele Pressevorstellungen pro Tag werden unsere nimmermüden Redakteure mitnehmen und besprechen? Welche nationalen wie internationalen Werke heimsen den Preis der Hamburger Filmkritik, den Commerzbank Publikumspreis oder den NDR Nachwuchspreis ein? Und welche thematischen Stichpunkte hat dieser Text nicht unterbringen können? Fragen über Fragen – doch die Antworten liegen wie der Ausgang jedes Rituals in der Zukunft und Vergangenheit, solange man gewillt ist, sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Es nehmen folgende Kinos daran teil: Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis, B-Movie und Studio-Kino.

Überblick

Kritik

American Honey

Andrea Arnold, USA (2016)

Ewiges Feiern: Andrea Arnold legt den Querschnitt gegenwärtiger Zukunftsungewissheiten in authentischer Geduld frei.

Kritik

Amerikanisches Idyll

Ewan McGregor, USA (2016)

Konservatives Märchen: Ewan McGregors Regiedebüt bemüht nur ein vages und moralinsaures Porträt einer Radikalisierung.

Kritik

Die Hände meiner Mutter

Florian Eichinger, Deutschland (2016)

Schuld und Vertrauen: Florian Eichinger blickt realitätsbewusst auf die Anatomie und Konsequenzen des Missbrauchs.

Kritik

Elle

Paul Verhoeven, Frankreich (2016)

Komplexer Schock: Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Meinungen

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Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.