Manchmal hilft es, sich dessen bewusst zu werden, dass es im Leben stets Luft nach oben gibt, speziell im künstlerischen Schaffen. Ein gutes Beispiel für diese These stellt das Werk von Florian Eichinger dar, der mit „Die Hände meiner Mutter“ nun eine Trilogie über verklärten Missbrauch in nur scheinbar vorangeschrittenen Familienverhältnissen abschließt. Der psychische, physische und sexuelle Einfluss der Vergangenheit war daher in „Bergfest“ (2008) und „Nordstrand“ (2013) schon Reibungspunkt für Konfrontation und Reflexion gegenüber den Fehlern der Eltern, aber auch der vergänglichen Unschuld aller – Faktoren, die bis in die Gegenwart nachwirken, unvermeidliche Implosionen und Rekonstruktionen heraufbeschwören. Der Pfad der Selbstfindung innerhalb seiner zentralen, männlichen Protagonisten musste in jenen Anfangsphasen noch einige holprige Dramaturgien hinnehmen, im Anlauf zur Vergangenheitsbewältigung manch gestelzten Dialog aufsagen, durch den konzentrierte Ensembles das Unangenehme in der Gemütlichkeit des Vertrauten schöpften. Die Konsequenzen der Hassliebe hielten sodann nach Wahrhaftigkeiten Ausschau, um psychologische Aufklärungen sowie Verständnis im Rahmen respektvoller Kohärenz zu erreichen, ohne aufs Reißertum auszuweichen.

Mit der aktuellen Interpretation scheint die bislang optimalste Variante dieser Ambition erreicht – und obwohl diese noch immer nicht vollends verdichtet, wurden die bisher kritischsten Zugeständnisse an inszenatorisches Kalkül auf ein Minimum reduziert. Gemessen an der weiterhin heiklen Prämisse verlässt sich Eichinger demnach auch mehr auf die emotionale Stärke der Beobachtung, in der einem explizite Formulierungen bis auf Weiteres erspart bleiben und an die Reife des Kopfkinos appellieren, für welches externe Melodramatik schlicht überflüssig wäre. Nichtsdestotrotz sind die Signale klar auf zwischenmenschliche Spannungen aus, als Markus (Andreas Döhler) auf einer Familienfeier zu Ehren seines Vaters Gerhard (Heiko Pinkowski) allmählich erfährt, inwiefern seine Mutter Renate (Katrin Pollitt) ihn in der Kindheit missbraucht hat. Im versammelten Kreis des geregelten Mittelstandes ist die Wahrung der Erwartungen noch omnipräsent, untereinander fruchtet der Zwiespalt der Begegnung allerdings sehr schnell, und gleichzeitig Markus’ Angst vor der Konfrontation und parallel die stille Fassung der von ihrer Schuld eingeholten Mutter, die weiß, dass Vergebung nicht erreicht werden kann.

Wie diese bitteren Fronten der Wahrheit zu verhandeln sind, ist selbst für die offensiveren Parteien nicht festzustellen, obgleich Markus’ Gattin Monika (Jessica Schwarz) im Verlauf initiativ auf Entscheidungen hinarbeitet, während sein Vater wie gehabt das Vergessen fordert. Die Zeilen zwischen den potenziellen Urteilen sind dann aber erst recht Anlass für Eichinger, die Ambivalenzen im Selbstverständnis und Bruch des elterlichen Vertrauens zu untersuchen, Traumata offen zu rekreieren, ohne als Voyeur dessen zu agieren oder die Gegenwart dazu als funktionelles Trauertal zu stilisieren. Die Handhabung erfolgt daher unter anderem in Rückblenden, die Hauptdarsteller Döhler wiederum selbst in die Rolle seines jüngeren Ichs versetzen, das Hauptmerkmal einzelner Erinnerungen wie unentwickelte Polaroids im Gedächtnis imprägnieren lassen, woran sich exemplarisch die Balance von Direktheit und Distanz im Film feststellen lässt. Insofern ist der Diskurs in der Gegenwart auch weniger triebgesteuert, als dass die zeitliche Probe der Ungewissheit ihre Aufwartung macht – und in dieser geht es an die schwierige Verarbeitung.

Manch Phase lässt den Film ein Stück weit der Angemessenheit zuliebe dahinplätschern, so wie die gesellschaftliche Unvereinbarkeit einer Mutter als Täterin reiteriert wird, obgleich sich zumindest Markus Stück für Stück mehr öffnen kann, selbst wenn er von vornherein nicht das Klischee des verschlossenen Eigenbrötlers repräsentiert. Arbeitskollegen hingegen wollen diese charakterliche Neigung dann doch gewissermaßen erfüllt wissen, einen Beitrag zum Gesamtgefüge leisten sie jedenfalls nicht – diesen findet man eher in Markus’ Eheleben mit Frau und Kind. Formal motiviert Eichinger zudem Bilder der Paranoia – eingeschlossen im Gesellschaftsstrom, den Fantasien von Außenstehenden ausgeliefert, wird es für Markus nur konsequent, dass die Wurzeln der Furcht noch energischer aufgedeckt werden müssen, weshalb sich Schock und Gewissheit ausgleichen, sobald weitere Missbrauchsfälle in früheren Generationen der Familie gebeichtet werden.

Wut und Trauer werden impulsive Begleiter in jenen Geständnissen vom und im Intimen, doch Eichinger bleibt nichtsdestotrotz eher subtil in der Fütterung einer eventuellen Katharsis. Klärung ist schließlich das Ziel, auf dass die Leidenden hinführen wollen, anstelle einer ohnehin zwecklosen Strafanzeige oder einer kaum weniger möglichen Entfremdung. Solch ein Realismus unausgesprochener Bindungen und innerer Hemmungen, der sich brennend und einsichtig durch den Film und seine Darsteller zieht, glänzt im gegenwärtigen Konsens der Klischees und Muster, dem hier in pointierter Bescheidenheit entgegengesteuert wird. Umso auffälliger stellt man aber doch einzelne Ausnahmen fest, die dem Realitätsanspruch aufgrund filmischen Erzählens von vornherein anheften. Pinkowski und Schwarz werden da beinahe zu den schwächsten Gliedern, da beide ohnehin eher als Pro und Kontra agieren, die sich mehr um Markus als um ein stimmig vermitteltes Eigenleben drehen. Das ist wohlgemerkt zu erwarten, wenn der Fokus auf ihm liegt.

Angesichts der sonstigen Natürlichkeit sind solche Umstände zusammen mit den bereits erwähnten Kritikpunkten dennoch die letzten Grenzen zur angestrebten, vervollständigten Wahrheit, die der Film auch in seiner Klärung nicht endgültig zu benennen vermag, obgleich sich alle auf die Offenlegung der Tatsachen einigen. Jener Kniff avanciert allerdings zum Geniestreich für Eichinger, als sich Markus’ Schwester Sabine (Katharina Behrens) gleichfalls der Vergangenheit stellt, die Schuld aber nicht mehr auf eine Person reduziert werden kann. Die Präsenz der Mutter spricht (auch darstellerisch) für sich, also nicht bloß für eine Seite der Medaille, weshalb man als Zuschauer auch zum Abschluss nicht noch einer Extraportion Eindeutigkeit bedarf, wo doch in der Realität ebenso keine endgültigen Lösungen vorliegen. Eichinger lässt sich der Begegnung mit dem Zuschauer zuliebe noch Luft nach oben, was zweifellos auf weitere Meilensteine für Regisseur und die hiesige Filmlandschaft hoffen lässt.

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