Wie mit allem im Leben reicht es nicht aus, als Außenstehender auf seine Erfahrungen zu vertrauen und aufgrund dessen über andere zu urteilen, da die Umstände eben stets verschiedene Perspektiven in sich tragen. Direkt durch die Mitte ist da manchmal die beste Methode. In diesem Sinne beispielhaft gibt die britische Autorenfilmerin Andrea Arnold mit „American Honey“ sodann zum Besten, was gegenwärtig in der im Titel angesprochenen Nation unbegrenzter Möglichkeiten vor sich geht, sprich, wie die nächste Generation mit Leben, Liebe und Arbeit über die Runden kommt beziehungsweise kommen wird. Mit einem vielerlei aus Laien gebildeten Ensemble sowie einem reichlich improvisierten Narrativ von 163 Minuten Länge fängt die Regisseurin erneut in der unteren Mittelschicht an, zentralisiert in Protagonistin Star (Sasha Lane), die sich ihr Leben gewiss besser vorstellt. Zusammen mit den Adoptivkindern fischt sie im Müll nach Essen, mittendrin in einer dieser provinziellen oder gar vergessenen Ecken Amerikas, in welche die Sonne so deftig knallt, dass ihr der Frust gehemmter Jugend von der Haut perlt, ihre Dreadlocks den Style markieren, zu Hause jedoch der schmierige Redneck-Beau wartet – wie alles am Rande der White-Trash-Verwahrlosung.

Nun könnte sich der Zuschauer einige Szenarien denken, mit denen solch ein Milieu auf die Spitze getrieben wird – doch Frau Arnold vertraut seit jeher auf die Stilsicherheit nüchterner Beobachtung. Und so bleibt sie auch hier ökonomisch, um externe Eingriffe zu vermeiden und die innewohnenden Gefühle in figurenbezogenem Respekt aufzulösen. Jene haben es durchaus in sich, doch statt diese zu forcieren, bieten sich gleichsam kohärent allmählich Impulse der Generation #Yolo an: Bühne frei für Jake (Shia LaBeouf), den krassen Hipster mit Rattenzopf und Nadelstreifenhosen, so sexy und spontan auf dem Sprung, dass er Star sofort gefällt. Besser noch: Er bietet ihr einen Job an, zusammen mit ihm und einigen anderen tighten Kids als Drückerkolonne durch die Lande zu ziehen und den Menschen querbeet Magazine anzudrehen, während tagtäglich Party angesagt ist. Da sagt sie nicht Nein – und der Film bleibt ihr sodann durchwegs nah und hängt sich zum Kennenlernen so rein, als sei man live dabei, als die wild durch den Van quasselnden Eigenarten ihrer Mitstreiter einen Kollegen aus ihr machen.

Der Blick aus dem Fenster während der Fahrt zieht ähnlich dokumentarisch Bilanz der Euphorie, um erfahrbar zu machen, wie viel Freiheit seit jeher on the road steckt und wohin es einen im Chancenreichtum ziehen kann, weg von der Armut in die Zufriedenheit. Arbeit ist jedoch in den feinen Suburbs angesagt, deren Einwohnern man sich selten als man selbst ausgibt. Chefin Krystal (Riley Keough) gibt da klare Töne an, obgleich sie ihre Lakaien gerne den Asphalt vibrieren lässt, wie diese auch energiegeladene Chants zu Hip-Hop-Beats in stetig wechselnde Motelparkplätze hinein grölen und ihre Schwänze baumeln lassen. Wer aber die geringsten Einnahmen am Ende des Tages abliefert, muss zum Kampf antreten – irgendwie muss man untereinander ja Dampf ablassen. Die Struktur der Ausbeutung ist hier eine recht besondere, als Teil eines Lebensstils, der in seiner Repetition des Feierns, Chillens und dennoch indoktrinierten Verkaufs ebenso genau die abstumpfende Maloche birgt, die jeder andere Job mit sich bringt. Die Deutung bekommt man zwar schneller mit, als Arnold sie in der nicht immer optimal genutzten Länge zu vermitteln versteht, doch sie ist nur ein Aspekt unter vielen, die diesen Querschnitt des amerikanischen Zustands ausmachen.

Ob nun die Erfüllung einer Mutprobe, ein lauschiges Gespräch oder letzten Endes die überschrittene Grenze zur Prostitution: Geschenkt wird einem nichts, aus der reinen Behauptung heraus zeigt Arnold diese Schlüsse aber keineswegs, wenn sie die Situationen bar jeder absehbaren dramaturgischen Steigerung und abseits der Klischees abspielen lässt. Vor Krystal kuscht Jake zwar, dass eine monogame Bindung zu Star der Arbeitsmoral wegen quasi nicht stattfindet, sie somit auch nie von der Ungewissheit zu ihm ablassen kann, doch in der intensiv verdichteten Weite des Landes scheint manch Traum doch wahrwerden zu können, voll Sex und Unbekümmertheit in die Arme des bestmöglichen Lebens hinein. Wohlgemerkt ist die Sehnsucht bei Arnold kein Anlass zum Kitsch, und schon in der Kameraführung durch Robbie Ryan von dynamischem Wankelmut, in der das Format am Zwang vorbei auf den Menschen blickt, auf Momente reagiert, in ihnen lebt, dass sich auch reichlich Unvorhersehbares in den Filmverlauf mischt.

Ganz ohne Wandel, Wut und Angst kann Star eben auch nicht daher leben, wenn es dauernd irgendwo hingeht, sich aber keine Aussicht anbietet, irgendwann anzukommen. Beziehungen erweisen sich als ebenso vergänglich, vielleicht auch bittersüß als erwiderte Gegenleistung, in der das Eigene zum Verkauf steht. Eine wahre Liebe kann in diesem Amerika zumindest hiernach nur lose definiert sein und gleichsam zerfallen. Stars Träume, Freundschaften und Grenzen transformieren sich dementsprechend mit steigernder Erfahrung in der Ziellosigkeit, in der die Déjà-vus der Arbeit noch auf blutgetränkte Felder, vorbei wandernde Bären und manch Wolfsgeheul auf der Suche nach ebenbürtig einsamen Heulern treffen. Arnolds Arrangement dieses Gefühlsspektrums findet parallel dazu nicht immer jene Prägnanz, an der diese Komplexe ihre emotionale Last transportieren könnten, gleichzeitig erfrischt jenes Vorbeischlendern an filmischer Stringenz bis zu einem gewissen Grad, auch wenn keine Station überstrapaziert scheint. Arnold bleibt eben noch auf dem Teppich, dass sie sich nur einer Handvoll beispielhafter Anlaufstellen in dem Rahmen annähern kann, diese voller Kurzweil und Ehrlichkeit beherrscht, aber durchaus Luft nach oben lässt. Bis dahin lässt es sich in jenem Epos der Gegenwart auf jeden Fall voller Spannung und Lebendigkeit atmen.

Meinungen

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