Hey, schaut euch den coolen Typen an! Regisseur und Koautor Jim McBride lässt sich nicht lumpen, von Anfang an mit Lebhaftigkeit zu punkten, sobald er Richard Gere im gleißenden Rot entfesselt. „Atemlos“ heißt der Titel, „Alles oder nichts“ das Credo unseres Protagonisten Jesse – einem amerikanischen Draufgänger, der alle Tricks beherrscht, die man in Las Vegas drauf haben muss. Es zieht ihn aber woanders hin, gemessen an der Hitze des Bildes und des permanenten Rock ’n’ Rolls – in Richtung des Herzens, zur Liebe und Freiheit. Für ihn heißt es freie Fahrt bei ausschließlich roter Ampel, von heißem Wind angeschoben auf der Suche nach Monica (Valérie Kaprisky), jener französischen Architekturstudentin, die ihn in unvergesslichen Nächten um den Verstand gebracht hat. Der Antrieb unseres Rebellen wird über die Inszenierung aufreizend zum Ausdruck gebracht, so euphorisch und naiv sich Jesse auf die Abenteuer des Silver Surfers stützt und Jerry Lee „Das wilde Vieh“ Lewis besingt, als stecke sein ganzer Lebenssaft in der Jugend klassischer Pop-Americana. Seinen Hang zum Träumen will McBride ihm auch nicht austreiben, stattdessen verneigt er sich vor ihm mit knalligen Panoramen der Prärie und galanten Bewegungen, die jedem seiner Hüftschwünge die richtigen Akzente verleihen: ein „Wooh!“ nach dem anderen.

„Oh Shit!“ gesellt sich aber ebenso ins Ohr, als die Polizei dem Treiben ein Ende setzen will und Jesse in eine Bedrängnis bringt, die ihm im Dunkel der Nacht Scherben, Blei und Schuld bereitet. Von nun an ist er auf der Flucht, und doch würde man es ihm nicht anmerken – schließlich verkehrt er im Zentrum des Oberflächlichen, Los Angeles. Die Ideale stehen als Malereien auf den Wänden, wie es sich für den Hort der Traumfabrik gehört – für eine Dämonisierung wäre dies aber der falsche Zeitpunkt, so wie sich McBride hier als Patriot des Eskapismus bewährt und äußerst überzeugende Argumente dafür liefert. Ausgerechnet Monica sträubt sich zunächst jedoch vor dem Sexsymbol in roten Rüschen und Bluejeans, das im Cadillac der Avenue zuzwinkert und ein gebrochenes Herz als Tattoo auf der Brust umso schöner ausbluten lässt. Im Innern weiß sie jedoch, dass ihre Reaktion mehr Schein denn Sein bedeutet. Doch das Risiko des Haudegendaseins ist ihr stets präsent, obgleich das anbahnende Spießerleben eine weniger reizvolle Zukunft verspricht. Jesse hingegen gibt nix auf die Zukunft, er lebt für den Augenblick und somit für Monica. Doch auch er ist nicht gefeilt vor den Blicken der Spaßhemmer. Das Spiel nimmt seinen Lauf und je mehr er trickst, desto enthemmter vermittelt er den Sex gegenüber Monica – sogar mit einem gestohlenen Talisman, der Kitsch und Aufrichtigkeit in sich vereint.

In den Sequenzen, auf die McBride baut, prallen Gefühle auf leichtfüßiges Miteinander. Sie hangeln sich vom Fenster ins kühle Nass des Swimmingpools, bis die Körper wieder hoch ins Intime wandern. Die Spannung zwischen Outlaw und Dame steigert sich proportional zum Drang der Verfolgung – sobald sich bei Jesse die Realität meldet, ist die Lebenslust umso ausgeprägter. Spielerische wie fesselnde Erotik lassen sodann bitten, der Atemlosigkeit beizuwohnen – und so wird auch Monica endgültig Teilnehmer am Spiel gegen die Regeln. Auch dort währt zwar nichts ewig, doch solange man das Unwiderstehliche ordentlich ausleuchten lässt, überschattet es alle Zweifel. Umso einnehmender lenkt McBride jene Strahlen auch in eine Szene hinter die Leinwand, wenn der Schweiß nach der Flucht vor Sirenen und Scheinwerfern erst recht zu sieden beginnt. Differenzen der Leidenschaft sind dennoch auszumachen, und wenn McBrides Schlusspunkt auch ein entschiedenes Finale in Aussicht stellt, will er doch, dass man weiterhin an die Liebe, an Jerry Lee Lewis und ein Lebensgefühl außer Atem glaubt, welches das Feuer im Aufwind des glühenden Zelluloids am Laufen hält. Ein starkes Ding, knallrot mit hundert Sachen durch die Filmgeschichte rasend.

Umsetzung für das Heimkino

Weil der Film als Schmuckstück mit eben solchen hantiert und gleichsam behandelt gehört, hat sich Capelight Pictures seiner angenommen und ihm ein ansprechendes Mediabook spendiert. Dieses vereint drei heiße Scheiben (zwei Blu-rays und eine DVD) in einer rot glänzenden Hülle, auf deren Cover Gere und Kaprisky bereits in voller Enthüllung prangen. Bild- und Tonqualität kommen gleichsam scharf zum Zuge und archivieren diese Huldigung auf die Aktivierung der Reize würdig, während man in Sachen filmbezogene Extras zunächst etwas leer auszugehen scheint. Lediglich ein zeitgenössischer Trailer zum Film befindet sich im audiovisuellen Sortiment; in der Verpackung schlummern aber durchaus beachtliche Goodies. So bietet das Booklet von Filmjournalist Martin Beine ein aufregendes Essay, das McBrides Werk mit Jean-Luc Godards „Außer Atem“ vergleicht, sowie einige schicke Produktionsnotizen. Beine scheint jedenfalls durchaus McBrides Remake den Vorzug geben zu wollen. Wer sich jedoch ein eigenes Bild davon machen will, der zieht mit dieser Edition ein weiteres Glückslos, da sie zudem Godards Nouvelle-Vague-Klassiker von 1959 als Bonus-Blu-ray bereithält. Wenn das mal nicht zum Träumen einlädt!

Meinungen

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