Das soll „Macbeth“ sein? Ein klagender, würgender, spuckender Tsunami aus Schmutz und Innereien? Ohne Witz, Übermut und Freiheit? Aber vielleicht ist dies die strengste Essenz, welche aus William Shakespeares Spiel um Terror, Krieg und Macht heute noch geboren werden kann – vermutlich ist Justin Kurzels „Macbeth“ ein Produkt unserer Zeit und unseres Hungers, ein nuschelndes Monologfest kathartischer Größe, das sich ziemt, seine Inszenierung buchstäblich auszuweiden und hinter monochromen Farbfiltern zu salben. „Macbeth“ stinkt, leidet, keucht; es spannt um seinen Wanst und seine Worte. Aus Roman Polanskis meuchelnder Furie (1971) und Orson Welles’ experimenteller Theatralik (1948) schöpft Kurzel die letzten Reste, er wandert in die schottischen Highlands, unter deren Nebelschwaden und Streicherbombardements, wo es keine Freude gibt, sondern zähe Unruhe regiert. Dieser dramatische wie affektierte Mechanismus kämpft und wuselt, in Zeitlupen und mit Jump Cuts, und stößt uns in einen tiefen Stollen, der durch seine Brachialität stimuliert, doch ebenso verstößt. Justin Kurzel visualisiert Shakespeare, aber er zeigt ihn kaum.

Der erste Plan geht auf. Der zweite nur, wenn „Macbeth“ sich seine Prosa entreißt und nicht mehr den Worten des Barden folgt, sondern der Übersetzung dieser. Im Original stößt Kurzel an seine ziellosen Grenzen, indem er Interesse an einer Tragödie heuchelt, die er nicht zu differenzieren wagt. Sein Than von Glamis (Michael Fassbender zwischen Melancholie und Fanatismus) ächzt sich empor, ist erst Vasall, dann König, erst treu, dann blind – doch immer geißelt ihn eine Armada Frauen; die drei Hexen ebenso wie seine Gattin, Lady Macbeth (kalt, fahl, ein einziger blauer Lidschatten: Marion Cotillard). Unter Kurzel könnte Shakespeare als radikale, schorfige Milieustudie dahinsiechen, sofern ihm an einer modernen Interpretation gelegen wäre. Der neue „Macbeth“ unterscheidet sich allerdings weder in seiner Sprache noch in seinem Takt der Tyrannei, die seit einigen Jahrzehnten im Theater größere Unbequemlichkeit hervorzurufen bereit war. Hier fehlt Konsequenz, Artikulation, ein inneres Kammerspiel, das seine Worte scharf beugt und schamlos ausnimmt. Justin Kurzel ist kein Kenneth Branagh: Er kleckert nicht – er k(l)otzt.

Im Deutschen scheint jene Prosa zwar vorhanden, jedoch nicht die Regel zu sein. Obwohl die Synchronisation in ihrer Zugänglichkeit weiterhin die Vorlage bestätigt, wird der Blick nun frei für eine Geschichte, die über die Symptome und Konsequenzen einer Posttraumatischen Belastungsstörung erzählt. Macbeths Existenz beginnt mit dem Tod seines Kindes und führt weiter in einen Krieg, in dem Anhänger und Gegner so diffus erscheinen, dass sie im Nebel durch Zeit und Raum als lebende Leichen abgefertigt werden. Kurzels Inszenierung verdichtet jenes Gefühl zu einem atemlosen Totentanz und gleitet in einen Schlund aus Dreck und Blut, dessen Terror selbst den Überlebenden die Seele raubt. Es folgt ein Delirium in eine kaum entlastende Heimkehr, die im Morast versinkt, da die Macht mit sauberen Händen über allem ruht. Kurzel reflektiert die kontemporäre Politik wie Polanski – aber wo seine Adaption darauf aus war, die Tyrannen, gleich welcher Herkunft, ausbluten zu lassen, spürt das modernere Pendant der Qual seiner Hauptfigur als Übertragungskette des Grauens nach.

Macbeth kommt letztlich nicht von der Psychologie des Schlachtfelds los und sieht dessen Geister im Zwielicht vorbeiziehen, obwohl er sich bereits unter ihnen wähnt. Auf diese Weise lässt er sich zu Amok und Intrigen hinreißen, um ein Königreich im Dunkeln zu regieren, weil er es nicht anders kennt. Die Menschen erschaffen ihre eigenen Monster – und Kurzel weiß dieses Schicksal in einen Rausch aus Erschöpfung und Schock zu verwandeln. Daher zieht sein zweiter Spielfilm zwar große Stücke auf, legt seinen Fokus jedoch auf ein menschliches Martyrium im tief versumpften Mittelalter, statt ein Historienepos aufzufahren. Er tritt mit seinem Bruder Jed ans Schlagzeug und rumst ins Fieber eines Vergifteten, das Chance, Schuld und Sühne zu einem Stimmungsstück der Verlorenen ballt. Vermutlich bräuchte es dafür nicht einmal Monologe oder Dialoge – denn aus einem Shakespeare der Schmerzen lässt sich noch immer genug herausholen.

Meinungen

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