Wenn in Cannes wieder einmal gebuht und die Leinwand angeschrien wird, ist es inzwischen ein Zeichen für Qualität – oder zumindest eine interessante Provokation. In Wirklichkeit halb so wild, bestätigt Nicolas Winding Refns neuestes Werk „The Neon Demon“, das seinen Style so weit over Substance legt, dass nur noch von Style die Rede sein kann. Jener Fokus hat in Refns Ambiente durchaus seine Berechtigung, wenngleich er voller Klischees in der Modelbranche von Los Angeles unterwegs ist, binnen derer um den Körper der viel zu jungen Jesse (Elle Fanning) gekämpft wird. Schönheit ist hier nicht nur alles, sondern das Einzige, was zählt; so wie die Unschuld hier überspitzt das „It“ darstellt und den Neid der Kolleginnen auf sich zieht, die schon mit wenigen Jahren Altersunterschied out sind. Konnten „Drive“ und „Only God Forgives“ zumindest in Perspektiven des impulsiven Testosterons anecken, kommt Refn hier ideologisch selbst mithilfe seiner Koautorinnen Mary Laws und Polly Stenham nicht über Gewöhnliches heraus – die Oberflächlichkeit der Charaktere gleicht seiner eigenen.

Die gestelzten (und im Grunde überflüssigen) Dialoge über plastische Chirurgie und Karriere sind Grundlagen, die man unter anderem in Paul Verhoevens „Showgirls“ kennenlernte – nur dass Refn unterkühlter kalkuliert, wenn er den Aufstieg vom Landei zur Diva zeichnet. Die Unbarmherzigkeit des Fashionwesens wäre noch immer eine Kritik wert, die man ihm als Horrormärchen zwischen Chic und Kannibalismus abkaufen würde, wenn es denn das erste Mal wäre, dass sich Refn dieser Ästhetik annimmt. Seine Augen von Elle Fanning zu lassen, fällt ihm ebenso schwer, wie er auch nur mickrige Gegenargumente in Form von Boyfriend Dean (Karl Glusman) aufbringt, die von Refns Alter Ego (Desmond Harrington) mit Messerblick ins Abseits gedemütigt werden. Ohnehin wird seinem Ansatz von Romantik, der über L. A. tanzt, nur wenig Platz eingeräumt; die Ausbeutung der Jugend wird als innerer Trieb verstanden, wirkt in seinem externen Selbstverständnis aber auch recht behauptet. Das ist symptomatisch für einen Film, der seine Dynamik stets zur Zeitlupe streckt, ehe der Weg des unschuldigen Opfers zur Schlachtbank nach zwei Stunden vollendet wird.

Wenn man mit Jesse zumindest sympathisieren könnte … doch die Ausgangslage verwehrt sich dieser Involviertheit, auch wenn der Film das Potenzial seiner Figur dermaßen offen symbolisiert, dass man beinahe denkfaul wird. Gegen diesen Mangel an Emotion hält Refn aber einige geschickte Einsätze der Suggestion bereit. Um sein Sujet vor der Exploitation zu bewahren, belässt er vieles im Kopfkino und verdeutlicht Sachverhalte audiovisuell, wenn sich die von der Branche pervertierten Träger der Karriere-Torschlusspanik am Toten befriedigen oder ums Verrecken jeden Tropfen Lebendigkeit einsaugen. Entsprechend surreale Eindrücke kommen im diffusen Rausch der Sinne sprachlos daher, verkünsteln die Künstlichkeit ins bewusst Absurde. Refn ist in diesem Fall auch dem Hang zum Ausstatten verfallen und verinnerlicht den werbewirksamen Zwang der Kadrierung. Weil er ab und an auch davon weiß, schafft der Film den Sprung teilweise zum Slapstick der Prätension (leider nicht zum Camp) sowie zu Elektrosequenzen, welche sich die Lichter und Farben nur so zuspielen, Sterne auf Rubys (Jena Malone) Make-up-Kreationen prasseln und einen besonders schmierigen Motelbesitzer (Keanu Reeves) zur Lebhaftigkeit der Furcht aufspielen lassen.

Letzteres bringt ohnehin einen Konflikt, der noch das Bad Girl in Jesse differenziert, nachdem sie wortwörtlich die Dreieinigkeit aus Narzissmus, brutalem Ehrgeiz und unaufhaltsamer Spitzenmäßigkeit geküsst hat. Vergänglich wird das Buhlen der Konkurrenz, stärker das Bündnis der verbrauchten Schönheit, die aber niemals aus den Augen verliert, sich zum Überleben mit dem Neuen zu addieren. Der Wahn zur Perfektion: Refn fängt an, sein eigenes Wesen als audiovisueller Fünf-Sterne-Koch anzuerkennen und in diesem Rahmen zu reflektieren. Für dessen Sprung ins Wasser braucht es aber auch eben solches, ohne bricht es sich die Knochen. Dementsprechend kurz gedacht scheint Refns schleichende Paranoia des Glamours, wenn sie in der taumelnd bunten Neonröhre aus Marmor, Kleid und Teint das geläufigste Ideal auswählt: Je jünger, desto besser, desto reizvoller, desto zerstörenswerter. „The Neon Demon“ sollte einmal den „Nachtmahr“ fragen, um lockerer und frecher für das eigene Ich, auch in der Großstadt, einstehen zu können, ohne mörderische Saiten aufziehen zu müssen. So aber wirkt er borniert in der Hypnose altbewährter Ausbeutungsrituale, die distanzierter anschlägt, als uns diese Artsploitation zu überzeugen wagt.

Meinungen

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