Die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsterbosses ist so alt wie das Kino selbst. Allzu passend also, dass Johnny Depp für seine Rolle als Whitey Bulger in eine Fratze aus Falten, Flecken, lichtem Haupthaar und ausgeblichenen Kontaktlinsen schlüpft, die in „Black Mass“ ganz Boston mit einer Kriminalität im Schafspelz unterzieht. Letzterer Schafspelz wird vom FBI bereitgestellt, vertreten durch Whiteys alten Straßenkumpanen John Connolly (Joel Edgerton). Dieser will durch Bulger als Informanten an die italienische Mafia heran und lässt dafür einige Machenschaften seines Freundes unter dem Radar laufen. Mit jeder Beförderung sinkt die Relevanz von Bulgers Funktion, doch der Pakt wird zugunsten einer vorteilhaft zerfallenden Moral eingehalten und beschwört eine Wolke sauren Regens über dem urbanen Schlachthaus der siebziger Jahre. Scott Coopers Regie kann ihren Donner am lautesten zusammenbrauen, wenn sie tatsächlich genannter Prämisse folgt. Bevor sich ans Eingemachte getraut wird, man also in eine Gefühlswelt der geduldeten Bedrohung hineinsteigt, mäandert der Film durch Rahmenbedingungen eines gängigen Crime-Dramas, das genauso gut „The Iceman“ oder „Kill the Irishman“ heißen könnte. Boston scheint als Schauplatz ohnehin für kaum etwas anderes prädestiniert zu sein als die neue Hauptstadt des amerikanischen Verbrechens – warum also gibt man sich derartiger Redundanz hin?

Die charakterlichen Details des Antihelden und seines Gefolges bleiben oberflächlich (undankbarer ergeht es nur dem weiblichen Ensemble), das Verharren auf dem Prinzip „Based on a true story“ resultiert zudem in einem trockenen Prozedere. Cooper tanzt anhand von Unwesentlichkeiten mit dem Konsens, hat aber einige Asse im Ärmel, die ihn vom bloßen Sidney-Lumet-Abklatsch abhalten: eine wunderschöne 35-mm-Fotografie, die sich gerne in neongrüne Schatten traut, um wiederum eine exquisite Ensembleleistung einzufangen, an deren Spitze Johnny Depp sich selbst einen Gefallen tut und eine Palette stiller Grässlichkeit aufbietet. In der flächendeckenden Ambition des Drehbuchs bleibt er nicht die zentrale Leitfigur, wie überhaupt der Fokus eher am Ablauf kleben bleibt als an der filmischen Erfahrung von Charakterwerten. Die kann und muss man für sich selbst sammeln, als ob sie wie Murmeln verstreut wurden. Die moralische Richtung hat jedoch einen roten Pfaden – nämlich den Selbstbetrug. Dies lässt nur bedingt Raum zur Identifikation, vermeidet jedoch zumindest die Glorifizierung des Untergrunds, wie es ein Martin Scorsese gerne hält und im Vergleich dennoch besser unterhält. Bis „Black Mass“ nämlich ein Gefühl von Film initiiert, ist die erste Hälfte vorüber und mit Eindrücken übersät, die Ambivalenz versuchen, aber in jedem Charakter das Heimtückische durchscheinen lassen.

Im weiteren Verlauf erkennt man allerdings die schöne Widersprüchlichkeit zwischen Töten und Sterbenlassen, die für brachiale Konflikte sorgt. Das Einverständnis bei den jeweiligen Parteien ist die beachtlichste Komponente des Films, je höher der Pegel der Verschwörung steigt. Blut und Ehre werden im Gegensatz zu Coopers Vorgänger, „Auge um Auge“, nicht zum Pathos erklärt, sondern als Mittel der Heuchelei entlarvt, an dem die Hölle auf Erden aufbricht und Bulger so larger than life entwirft, dass er sein Areal abseits des Bildes infiziert. Solch Potenzial möchte man gerne am Hals packen und in eine konkrete Charakterstudie von neunzig Minuten einweisen, in der nicht alle offenen Enden mit Texttafeln abgeschlossen werden müssen. In dieser Erfahrung aber gewinnt am Ende beinahe ausschließlich das Historische, sprich die Grundlage für einen spannenden Stoff, der aber nur stückweise seinen Sinn ausleben darf. Eine Balance à la „Foxcatcher“ hätte Wunder gewirkt, wenn man davon ausgehen will, dass sich noch etwas am bekannten Mobster-Narrativ variieren lässt. Cooper schafft nur bedingt den Sprung zum Besonderen, denn seine schwarze Messe folgt lediglich Ritualen: souverän, doch insgesamt eine genügsam gelackte Spielzeugpistole.

Meinungen

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