Es steckt ein persönlicher Ansporn in „By the Sea“ – einem Film, der Regisseurin und Autorin Angelina Jolie Pitt (so im Vorspann genannt) jenseits aller Trends quasi als Gefallen finanziert wurde und aufzuzeigen versucht, wie das Leben in Schickeria an Menschlichkeit und Liebe verliert. Ein durchaus interessanter Diskurs, in dem sie und Ehemann Brad Pitt als desillusioniertes, reiches Paar mit brüchiger Haltung am Leben und Zusammenleben vorbeischlendern. Er, Roland, sucht als gescheiterter Autor Inspiration und Alkohol; sie, Vanessa, scheint als ehemalige Tänzerin im Liegen darauf zu warten, dahin zu vegetieren. Sie haben sich in einem Hotel an der beschaulichen Küste einer französischen Kleinstadt (gedreht auf Malta) eingenistet, doch alles Schöne daran versinkt im tagtäglichen Ritus der Entfremdung und Lieblosigkeit. Es dürfte durchaus schwierig sein, diese Aspekte nicht zu erkennen, da sie aufgrund des Drehbuchs von Frau Jolie Pitt stets forciert werden. Dieselben Bilder der Müdigkeit reihen sich im unbeholfenen Schnitt zu einem Strom der Redundanz zusammen, die sich nochmals im Dialog beweisen muss.

Insbesondere Roland stellt mehrmals die Lethargie seiner Ehe infrage, kommt aber meist nicht über Einzeiler („Was ist los?“, „Warum tust du das?“, „Du bist krank!“) hinaus, was den Konflikt genauso wenig voranbringt wie das stille Schmollen der Gattin. Von Anfang an verlangt die Inszenierung ihrem Zuschauer dabei Mitleid ab, obgleich die Leere der Protagonisten keine Basis für Mitgefühl sein kann – erst recht nicht, wenn der Film dieses aufzwingt, anstatt es aus der Beobachtung heraus erkennen zu lassen. Schnell nistet sich stattdessen das Gefühl ein, trivial und prätentiös zugleich abgefertigt zu werden. Entsprechend plump fällt die vermeintliche Lösung für unser Paar aus, um wieder ein bisschen Pep in die müden Knochen zu bekommen. In den Wänden der Unterkunft ist nämlich ein Loch zum Nachbarzimmer angebracht, an dem sich die amourösen Abenteuer der frisch verheirateten Lea und ihrem heißen Lover François beobachten lassen, woran Roland und Vanessa bald mit melodramatischer Gestik gemeinsam Gefallen und Inspiration finden, sich wieder anzufassen.

Ohne Tendenz zu Missgunst und Eifersucht kann dies natürlich nicht auskommen, da sich der Virus der gescheiterten in die neue Ehe einschleicht. Bis es aber so weit ist, hat sich der Film bereits über eineinhalb Stunden durch seinen einfältigen Pragmatismus erschöpft. Regisseurin Jolie Pitt versteht es nie, ihre Absichten echt zu verpacken und pointiert darzulegen, sondern verlässt sich auf eine Coverage, die auch dann nichts aus ihrem Ambiente machen kann, wenn zig Perspektiven die Ereignislosigkeit einfangen und weiterhin nicht wissen, warum sie jene überhaupt noch zeigen müssen. Was dabei am ehesten heraussticht, ist die Theatralik, mit der man sich untereinander begegnet – wohl aber keine, die das Drama dermaßen überspitzt, dass womöglich noch Leidenschaft oder Spaß zu verspüren wäre. Selbst Ansätze in Richtung „Nur die Sonne war Zeuge“ bleiben eher ungenutzt im Raum stehen, obwohl sie durchaus mehr leisten könnten, als Zitate für eine stilistische Oberfläche zu sein. Stattdessen beläuft sich Jolie Pitt auf eine äußerst brave, aber stumpfe Psychologie, die in ihrer übererklärenden Aussprache Reife oder Subtilität vermissen lässt.

Es ist jener Beigeschmack der Eitelkeit, der sich allzu leicht in die Karten von Promi-Voyeuren spielen lässt und Probleme wie Lösungsansätze der höheren Gesellschaft dermaßen aufbauscht und gleichsam praktiziert, obwohl deren Erkenntnisse nur spekulativ an der Komplexität der echten Welt vorbei arbeiten. Man ist also Zeuge einer öffentlichen Ehetherapie, deren Inhalt einem erwachsenen Publikum verlogen simplifiziert erscheinen wird und nach einer Selbstbestätigung sucht, die sich filmischem Taktgefühl vollkommen entschließt, es aber für sich behauptet. Fürwahr ein Passionsprojekt, aber dafür eines, das nur äußerst schwach das Verständnis zu seinen Machern herstellen lässt und stattdessen die alten Klischees vom Selbstverständnis des hohlen Hollywoods ins Gedächtnis ruft.

Meinungen

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