Zuletzt widmete sich Giulio Ricciarelli mit „Im Labyrinth des Schweigens“ der Thematik um die Strafvollziehung der NS-Kriegsverbrecher. Regisseur Lars Kraume legt nun mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ einen weiteren differenzierten Film nach, der die Hintergründe zur Gefangennahme Adolf Eichmanns näher beleuchtet. In der Hauptrolle des beispiellos inszenierten Justizthrillers darf man einen beachtlich aufspielenden Burghart Klaußner als couragierten Visionär Fritz Bauer bewundern, der damals nahezu im Alleingang die Schienen zum Prozess legte, welcher weltweites Aufsehen und ethische Kontroversen erzeugte.

Die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1957 – der Schrecken des Zweiten Weltkrieges liegt ein Jahrzehnt zurück. Während der Großteil der Menschen im Land versucht, die düstere Vergangenheit zu verdrängen und zu vergessen, setzt sich der kompromisslose Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Klaußner) unermüdlich dafür ein, ehemalige Täter im eigenen Land vor Gericht zu stellen und die Nation mit den begangenen Gräueln zu konfrontieren. Der Staatsapparat ist infiltriert von ehemaligen Nationalsozialisten, die ihm bei der beharrlichen Suche nach dem Kriegsverbrecher Adolf Eichmann emsig Steine in den Weg legen. In seiner Behörde verschwinden wichtige Akten, und auch Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) behindert Bauers Ermittlungen. Rückendeckung und Unterstützung erhält Bauer einzig vom jungen, engagierten Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld). Ein scheinbar aussichtsloser Kampf für die Gerechtigkeit nimmt seinen Lauf, der ihnen in beruflicher und privater Hinsicht alles abverlangen wird.

Burghart Klaußner zählt zur Elitegarde der deutschsprachigen Charakterdarsteller und zeigt einmal mehr, aus welchem Grund. Bereits für Michael Hanekes „Das weiße Band“ erntete er den Deutschen Filmpreis. Barsch und mit ungehobeltem Charme erspielt er sich auch hier die Zuschauersympathien. An seiner Seite ein in allen Belangen fantastisches Ensemble, welches ihm, was die mimische Qualität anbetrifft, in nichts nachsteht. Nebst den Malheurs im damaligen Staatsorgan der BRD findet der Film auch reichlich Platz für ein beiläufig integriertes Plädoyer gegen sexuelle Diskriminierung. Fritz Bauer, selbst homosexuell, sah sich in seiner Amtszeit mehrfach mit Erpressungen und Anfeindungen diesbezüglich konfrontiert. Jene zusätzlichen Hürden, die ihm dadurch bereitet wurden, werden auch in diesem anspruchsvollen Charakterporträt thematisiert und nehmen nicht nur für seine Person die Schlüsselrolle einer unerwartete Wendung ein. In seiner intelligenten Geradlinigkeit und Stringenz wird der Film einer großen Fülle an eingeflochtenen Materien mehr als gerecht und gerät zu einer stilsicheren Abhandlung über moralische Werte, die schwerwiegende Aufarbeitung von Schuldfragen und allgemeingültiger Gerechtigkeit.

In seiner überaus akkuraten Inszenierung, die mit latenten Jazzklängen gepaart ist, reicht Lars Kraumes Film auch Hollywoodproduktionen getrost das Wasser und haucht den späten fünfziger Jahren einer noch brüchigen Demokratie in stimmungsvollster Weise neues Leben ein. Dramaturgischer Scharfsinn und kluge Dialoge, sowie detaillierte Figurenzeichnungen machen „Der Staat gegen Fritz Bauer“ zu einem ungemein spannenden und in seiner altmodischen Eleganz äußerst sehenswerten biografischen Thriller, in dem man sich sowohl vor, als auch hinter der Kamera selbst übertroffen hat.

Meinungen

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