Ein hartgesottener Privatdetektiv wird instruiert, einen offenkundig leicht zu knackenden Fall zu übernehmen. Dieser Privatdetektiv ist ein Meister seines Fachs – furchtlos, überzeugt von seinen Fähigkeiten, taktisch in seinen Methoden. Aber wie in jedem schwarzen Krimi erwischt es auch John Trent (Sam Neill). Der Fall entgleitet ihm, die Geheimnisse zersetzen ihn, die Spur verflüchtigt sich. Neill, sein verheddertes Gesichtskarussell harmoniert mit dem satanischen Gewirr, das auf ihn wartet, lanciert einen archetypischen Stephen-King-Figurenentwurf: Er, der weltliche und rational bedachtsame, mit allen Wassern gewaschene General seiner modern-zynischen Ideale, die sich alsbald als überholt erweisen, findet sich in einer Einzelzelle wieder – manisch-psychotisch, von den Perversionen der Realität, jedenfalls jener, die er für diese gehalten hat, bezwungen. Die Verschiebung des Fantastischen und Doppelsinnigen in das Sachliche und Materialistische ist ein Ankerpunkt dieses Films, hineinzufinden in eine rassig gefüllte, allerdings pathologisch übermalte Welt der Magie, des Grauens, aber auch eines eigenen Kapitels in der Zeit, die tot und lebendig zugleich ist, weil sie stets zum Ursprungsort weist. Und Sam Neill kostet das aus: Das überhebliche Schmunzeln hält nach und nach einen Platz frei für einen sperrangelweit offenen, törichten, leicht schwachsinnigen Mund mit Augen, die nicht mehr wissen, was sie sehen, während der Verstand daran arbeitet, warum sie es sehen. John Trent hatte einen adretten Anzug an. Bis er in einem schäbigen Gefangenengewand zu sehen ist, über und über mit Kruzifixen bemalt.

„Die Mächte des Wahnsinns“, man könnte meinen, dies sei der allerletzte visionäre Gedanken- und Weltentwurf von John Carpenter, huldigt viel mehr Stephen King als dem eher kolportierten H. P. Lovecraft, huldigt den Welten, die aufeinandertreffen, huldigt dem Heiligen, das profanisiert wird, und dem Profanen, das eine Apotheose erfährt. Sicher – die schleimigen Tentakelkreaturen als metaphysische Umwandlung jahrhundertealter Mächte, das ist Lovecraft, die mit bestialischem Zierrat geschmückten Höllenorte (geschmackvoll makaber: das blutbeklatschte „Schreibzimmer“), die ihre Leser im Positiven wie im Negativen beeinflussenden Bücher Sutter Cains (luziferisch schnittig: Jürgen Prochnow), die der gegenständlichen, ellenlangen Beschreibung des Horrors Vorrang einräumen. Aber wenngleich King selbst sarkastisch dementiert wird – Sutter Cain sei ohnehin der bessere, erfolgreichere Autor, heißt es –, spielt Carpenter metafiktiv mit den Vorlagen und deren Werkstoffen, die ihm King und Lovecraft boten, mit den an den Fahrradspeichen festgeklemmten Spielkarten („Es“), verfluchten Orten mit einem symbolischen „End“ im Namen („Crouch End“), Hunden, Kindern und Prophezeiungen. Gebunden an verhexte Hotels, sich verändernde Wandbilder („Der Straßenvirus zieht nach Norden“) und einen entstellten Zombiemob, der nachts durch die Straßen zieht, um den Fremd- und Eindringling zu belagern, lokalisiert sich „Die Mächte des Wahnsinns“ als vorrangig spannender, surrealer Monsterbrunch innerer und äußerer Dämonen, die im Stakkato voranschreiten: so Julie Carmen, Trents Begleiterin, die sich im Spider Walk verrenkt und verzerrt.

Die Suggestion scheint mächtig in Carpenters postmoderner Codierung des Genres, die Realität dagegen ebenso instabil wie anfällig für die Kräfte, die in ihr verdächtig schlummern. Trent spürt das – er muss sich fortdauernd rückbesinnen auf das, was sich entweder gegenwärtig abspielt oder fiktional weitersinniert wird. Ist er ein Mensch, dessen Bestimmung noch nicht festgeschrieben steht, oder eine Figur im literarischen Modellbaukasten reglementierter Aufgaben? Der Film schlafwandelt zwischen diesen beiden Polen, zwischen pochendem Schwarz und gierigem Blau, zwischen Freiheit und Fatalismus, ist dabei jedoch vollkommen eins mit sich und einer Idee mehrerer Widerhaken, die raffiniert aufgesteckt werden. Am wunderlich-wunderbarsten ist „Die Mächte des Wahnsinns“ andererseits in der Karikatur, in der reflexiven Übertreibung, in der mit spitzer Feder artikulierten Grenzüberschreitung, den Horror in seiner pädagogischen Steilvorlage von Schädlichkeit und Abstumpfung aufs Korn zu nehmen: Der Horrorfan und –konsument, Bestandteil einer sakrosankten und sektenartigen Klientel, eines anderen Mächteverhältnisses von oben eben, nimmt die Axt in die Hand und spaltet Schädel vor Bücherläden, die das neue und begierig erwartete Buch in zu geringen Beständen verkaufen. Eventuell obliegt der Realität und Fiktion, dem Protagonisten und dem Schaufensterabbild, also ein ähnlicher Wunsch nach Abenteuern zugrunde – innerhalb einer Grenze, die gar keine ist, innerhalb einer Demarkationslinie, die subtil aufweicht, weil jeder so sein will wie der Held auf dem Papier. Und so losprusten wie Sam Neill im Kino, wenn die Kunst im Leben angekommen ist.

Meinungen

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