Wie ist es nur dazu gekommen, dass wir dieser Tage an einem Film teilhaben dürfen, der sich als „Die Unfassbaren 2“ ins Feld magischer Actionabenteuer zurückschwingt? Für alle, die nicht vom Vorgänger wissen und solche, die es doch tun, eine kleine Auffrischung: Aus einem Quartett an Straßenzauberern formte Koautor Ed Solomon, seines Zeichens Mitbegründer der Reihe „Bill & Ted“, 2012 eine spektakulär eskapistische Jagd auf Magier, welche auf den Spuren Robin Hoods mit Paraden an unglaublichen Tricks so zielsicher auftraten, dass jede Auflösung nur hanebüchen wirken konnte. Der Clou war jedoch das Spiel mit dem Zuschauer, der so lange im Dunkeln belassen wurde, dass die reißerische Ballung an dem, was vonstattenging, sogar Spaß machen konnte. Einige Schlüsselmomente, wie die Rückzahlung der Opfer von Hurrikan Katrina, konnten ohnehin die Sympathie des Publikums erhaschen, obgleich die Akteure voll vermeintlicher Zauberkräfte stets auf der Flucht und somit interessant waren, weil sie sogar in ihren Motivationen unfassbar schienen. Nachdem der Vorhang aufgezogen und Regisseur Louis Letterier nun durch Jon M. Chu ersetzt wurde, wird jedoch gewiss fraglich, wie dieser Reiz, herauszufinden, wer wie den Budenzauber veranstaltet, beibehalten werden kann. Karten auf den Tisch: Es gelingt nicht.

Deshalb die nächste Frage: Wie kann Ed Solomon, der mit einer Fortsetzung wie „Bill & Ted’s verrückte Reise in die Zukunft“ sowohl tiefer in voretablierte Charaktere schauen und deren Konzept nochmals spritzig auf den Kopf stellen ließ, hier so einfallslos an denselben Ambitionen scheitern? Nun, zum einen liegt dies an der dramaturgischen Gewichtung des eigentlichen Herzstücks an Emotionen, nämlich die Vergangenheitsbewältigung von FBI-Agent Dylan Rhodes (Mark Ruffalo) sowie dem Verhältnis zu seinem Vater, das in Rahmen bildender Funktion aber nur selten zur Geltung kommt, ehe es einen Abschluss an Twists ausformuliert. Der beläuft sich jedoch eher in der erneuten Verfolgung der Four Horsemen, deren Charakteristika sich seit Teil eins kaum weiter entwickelt haben: J. Daniel Atlas (Jesse Eisenberg) gibt weiterhin das kalkulierende Sarkasmus-Stakkato, Merritt McKinney (Woody Harrelson) bleibt beim Hypnotisieren im Schwerenöter-Modus, Jack Wilder (Dave Franco) ist jetzt immerhin Schüler von letzterem, trotzdem ein gewiefter Trickkünstler und auf den Typ besetzt wie jeder seiner Mitstreiter. Neu im Bunde ist Lula (Lizzy Caplan), die mit Humor als Comic Relief schlagfertiger Natur agieren soll, aber nur schwer herausstechen kann. Das liegt zum Großteil aber auch an Ersatzregisseur Chu, der so müde auf die Bande blickt, dass er bei Pointen sogar den Score von Beliebigkeitskomponist Brian Tyler stoppen lässt, als sei man im Standard-Comedy-Trailer gelandet.

Applaus für angekündigte Überraschungen hält sich ja allgemein begrenzt, daran hat der Film durchweg zu knabbern, sobald er „Oceans Eleven“-artige Planungen und Ausführungen von Magic Heists als Hauptunterhaltungspol probiert. Wohlgemerkt ist die herbeigesehnte Surprise endlich Anlass für Chu, aufzuwachen und audiovisuelle Spielereien mit seinen noch immer flippigen Figuren zu gestalten. Kurz darauf kommt aber erneut Ernüchterung auf, wenn sich ein Prozedere nach dem anderen im Strom an Dialogen aufwickelt, das weniger brennende Fragen stellt, als Ersichtliches zu reiterieren. Schlimmer noch: Dadurch wird selbst die Zauberschau berechenbar, wenn es das Quartett zudem dorthin verschlägt, wo jedes unnötige Sequel landet: in China und London. Bezeichnenderweise wird die Abkopplung von der emotionalen Ader durch Rhodes dadurch noch stärker vorangetrieben, so wie dieser sich mit Desillusionist Thaddeus Bradley (Morgan Freeman) durch belanglose Hintergründe schleppt, um sich im ältesten Zauberladen der Welt in Macau treffen zu können. Dass sich dabei einige gewitzte Sequenzen einfinden, die der Logik ohne Rechtfertigung einen Streich spielen dürfen, grenzt an ein Wunder, ebenso, dass die Four Horsemen einen trotz marginaler Charakterzeichnung noch am Ball halten, obwohl sie vieles vom ursprünglichen Interesse in ihrer Fassbarkeit verlieren.

Ansonsten bleibt nicht viel zum Anecken im positiven wie negativen Sinne. Der Verlauf spult sich an Erwartungen und mit Dubstep gefütterten Spezialeffekten ab, die zumindest den Fokus auf Freundschaft herausheben und eine gewisse Grundspannung vermitteln, Gerechtigkeit gegen möglichst unpersönliche Großkonzerne walten zu lassen, die unsere Individuen in der globalen Freiheit des Zaubers bedrohen – sei es nun auf oder jenseits der Leinwand. Dass sich letzten Endes Jäger und Gejagte als unison offenbaren, die Welt des Scheins zum herzlichen Sein führen, funktioniert auch hier – wenn auch über Umwege – am besten im Gegenwirken typischer Blockbustermodelle, die selten bodenständig ausschließlich Dystopien in nächster Nähe sehen können. Schade bloß, dass sich so wenig vom Vorgänger unterscheidet, über zwei Stunden Laufzeit maßlos überstrapaziert und nochmals jenes Ass unterjubeln will, das dieser wenigstens für die meiste Zeit im Ärmel versteckt hielt.

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