Afrikanische, tanzende „Täter“ in französischen Banlieues, deren Reigen die anrückenden Polizisten sprachlos macht. Ein reales Kontrastbild, in dem die Menschlichkeit im Kampf gegen die Staatsgewalt überwiegt und Mittel ergreift, die die künstliche Disparität zwischen Arm und Reich überwinden kann. Houda Benyamina hatte diese Szene aus einer Dokumentation so inspiriert, dass sie einen eigenen Film über die Thematik machen wollte. „Divines“ erzählt von der jugendlichen Reise der fünfzehnjährigen, vaterlosen Dounia (Oulaya Amamra), die von ihrem Umfeld „Bastard“ genannt wird. Sie wächst in einem Netzwerk Kleinkrimineller auf und beschließt, sich diesem anzuschließen; gemeinsam mit ihrer Freundin Maimouna (Déborah Lukumuena) und ihrem anfänglichen Vorbild Rebecca (Jisca Kalvanda), die als einzige, dealende Frau eine gewisse Machtstellung inne hat. Doch Benyamina beschäftigt sich im Gegensatz zu vielen Genre-Filmen weniger mit Gras, dem Verticken oder längst reizlosen Klischees, sondern richtet ihr Augenmerk auf Dounias Gefühlswelt, die innige Freundschaft zwischen den beiden Protagonistinnen und deren Platz auf dieser Erde. Dabei erzeugt sie ein unglaublich energetisches Feuerwerk an Emotionen und Expressionen, für das sie in Cannes mit der Goldenen Kamera für den Besten Debütfilm ausgezeichnet wurde.

Benyamina arbeitet mit unterschiedlichsten Stilmitteln, um sich realistisch an die Konfliktthemen französischer Ghettos anzunähern. Die angesprochene Disparität definiert sich nicht unbedingt über den Besitz von Statussymbolen, die Gesetze der Straße ebnen den Selbstbewussten den Weg aus dem Dreck. So wird vor allem zu Beginn des Films auf Snapchat-Videos zurückgegriffen, die erstens die Aktualität des Geschehens unterstreichen und zweitens einen perfekten ersten Einblick in die tiefe Beziehung von Dounia und Maimouna geben. Das Ghetto-Leben ist eine Achterbahnfahrt, vielleicht in unsicheren und engeren Waggons mit gefährlicheren Steigungen. Neid, Missgunst und Frust reiben wie überall an der Loyalität, das benötigte Geld ist für viele wichtiger als jegliche Freundschaft. Immer wieder porträtiert Benyamina mit wundervollen Ideen die Illusion vom amerikanischen Traum und stellt sie vorausdenkend in Verbindung mit der Realität. Der Film wimmelt von Parallelen und Selbstreflexionen, herausragend aufgenommen von Kameramann Julien Poupard. Beispielsweise stellen sich Dounia und Maimouna vor, in einem Cabrio zu fahren – diese Vorstellung wird vollkommen überraschend und surreal derart gut inszeniert, dass sie zusammen mit vielen weiteren kreativen Einfällen im Gedächtnis haften bleiben.

Ein weiteres Stilmittel Benyaminas ist die häufig eingesetzte Parallelmontage. Dass sie nicht nur inhaltlich gegenüberstellt, sondern ein Spiel der Ästhetik entfacht, ist schlicht bewundernswert. Dounia verliebt sich in einen akrobatischen Tänzer, den sie zu beobachten beginnt. Er lädt sie schließlich zu einer Premiere ein, die sie nicht besuchen kann, weil sie für Rebecca einen reichen Typen ausnehmen soll; eine Hassfigur, die beim Versuch der Vergewaltigung trotz ihrer physischen Überlegenheit der selbstbewussten Dounia unterlegen ist. Die beiden Sequenzen werden auf sehr eigene Weise choreografisch miteinander verbunden, sodass eine Symbiose der Bilder entsteht. Allgemein ist der Film ein Statement gegen Sexismus und patriarchalische Tendenzen. Man kann Oulaya Amamra, die Benyaminas Schwester ist, nur für ihre sensationelle, facettenreiche Performance gratulieren, die sie 106 Minuten lang ohne einen Funken Schwäche aufrechterhält. Auch ihre Kollegin Lukumuena spielt die Rolle der leicht übergewichtigen, aber stolzen und warmherzigen Freundin so natürlich, dass man eine reale Freundschaft der beiden für möglich hält. Auf die Frage eines Zuschauers, woher diese Energie käme, sagte Benyamina, dass sie es zum Überleben gebraucht habe, diesen Film zu machen – und betonte leicht scherzend, dass sie eine Frau ist, die von ganz unten (als Friseurin) angefangen hat und Anerkennung wollte.

Was „Divines“ zusätzlich besonders macht, ist, dass eine Ego-Perspektive aus den kriselnden Armenvierteln eingenommen wird, die aber in diesem Fall nicht in einen auf Figuren basierten Kontrast gestellt wird, um beide Seiten zu beleuchten. Benyamina steuert die Geschichte eher wie bei Mathieu Kassovitz’ „Hass“ aus einem Mikrokosmos in einen erweiterten Mikrokosmos: Dabei sind Polizisten plakativ Polizisten – repräsentativ und dabei zugleich realistisch. Die faszinierende Mischung aus emotionaler Hingabe und explosiver Plötzlichkeit, die exzellente Dynamik zwischen den Figuren, die teils dokumentarisch anmutenden Dialoge und ein sehr auffälliger Stil von Benyamina machen diesen Film zu einem wirklichen Erlebnis.

Meinungen

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