Hat Pixar wirklich weit genug gedacht, um eine Fortsetzung zu „Findet Nemo“ rechtfertigen zu können? Man möchte es der Nostalgie halber bejahen, doch das Gegenteil ist leider der Fall. Andrew Stanton und sein Koregisseur Angus MacLane sind die gesamte Laufzeit von „Findet Dorie“ auf der Suche nach einer Identität, die nicht unbedingt dieselben Schlüsse zu ziehen versucht, wie sie der Vorgänger kinderfreundlich präsentierte: Sei du selbst, zeige Mut, erforsche Vielfalt, Familie und Freundschaft außerhalb deiner Komfortzone. Ihr Vorhaben ist je nach Ansicht halb gelungen oder halb gescheitert, schließlich lassen sich genannte Werte gleichsam passend auf Dorie umsetzen, die als Palettendoktorfisch mit schwer vergesslichem Kurzzeitgedächtnis einst den starken Nebencharakter voller Humor darstellte, nun jedoch den Weg der Hauptprotagonistin gehen darf. Der Film versucht, sich ihrem Charakter anzupassen, doch seine Verbundenheit zur Vergangenheit hemmt jene Verselbstständigung, wenn Schauwerte und Storyelemente sowohl zum Einstieg einladen, als auch anhand von Subplots und Gastauftritten gehetzt Erwartungen abarbeiten, die sich eher forciert mit Dories Pfad kreuzen. So wie jene Meeresbewohnerin jedenfalls impulsiv vorgeht und aus Geistesblitzen ihr Handeln ableitet, ist die Not zur Selbstfindung zwar motiviert, doch vielerlei erste Schritte dorthin wirken eben Punkt für Punkt wie bereits vor dreizehn Jahren eingetreten.

Es ist eine Sache, eine Figur unterwegs zu erzählen, wenn man als Zuschauer unversehens in ein Abenteuer geschleudert wird – in diesem Fall muss das Abenteuer aber auch fesseln, Kontraste bieten und nicht nur den Wiederholungstäter geben. Zugegebenermaßen sucht „Findet Dorie“ zu Anfang den Kompromiss in einer konkret abstrahierten Sequenz der Vergangenheit hinsichtlich ihrer Eltern. Für die emotionale Gewichtung muss Stanton jedoch – seinem „John Carter“ ähnlich – im Verlauf mehrmals auf Rückblenden zurückgreifen, ehe man Dories Gefühlslage mit einer ordentlich verspäteten Point-of-View-Reise im Hinterkopf behält. Die Verquickung jener Einsichten auf dem Weg zur Wiedervereinigung erweist sich daher leider als repetitiv, erst recht, wenn Humor eben daraus gezogen wird, dass sich Dorie immer wieder aufs Neue an etwas erinnert, um just die Handlung voranzutreiben. Die anderen Träger der Lustigkeit stehen nicht besser da, wenn sie zuhauf die Gegenschnittkonvention drolliger Reaktionen à la Dreamworks bemühen oder jede Figur als Gag eben eine besondere Eigenart mit sich führt, weil das ja schon im ersten Teil für Resonanz sorgte – siehe die „Meins“-Möwen. Kleinkindern oder „Deadpool“-Fans kann man damit eine Freude machen, doch es ist durchaus unter der clever inklusiven Messlatte, die Pixar seit jeher vorweisen kann, auch was die Botschaft angeht, so eindeutig sie allein für Dorie reiteriert wird.

Wohlgemerkt ist dies genau ihrem Wesen angepasst – und in jener Wechselwirkung zweigt die Filmhandlung gerne in die entlegensten Stellen ab, wenn stets „ein anderer Weg da ist, mit dem man zum Ziel kommt“ und es im Ozean keine Mauern gibt. Jene Haltung nimmt Dorie als Amnesie-Tollpatsch ganz natürlich ein, umso energiegeladener schießt das Erzähltempo kreuz und quer durchs Marine Life Institute, in dem die Erinnerungen Richtung Familie aufgefrischt werden sollen. Alles ist dort möglich: Spielplatz, Gefahrenzone, eigen- und gemeinnützig zugleich, solange der Kontext alle paar Minuten aufs Neue bestimmt wird. Dies kann allerdings auch leicht zur Ausrede für eine Vielzahl von Deus Ex Machinas werden, welche mit einmaligem Auftauchen aus Situationen helfen oder in der Vorarbeit zur Funktionalität – wie ein Pfahl in den Boden eingerammt – etabliert werden. Man hat sodann nicht das Gefühl, dass Stanton und Co. von vornherein wohin wussten, stattdessen auf die Grundrisse des Erstlings vertrauten und darauf hofften, dass sich Dories Selbstreflexion dort wiederfinden würde. Einiges an Standardisierung wurde dafür in Kauf genommen – sobald man sich aber von all den Zwängen löst, steht das Potenzial für eine herzliche Geschichte über die Hoffnung des Eigenen, des Bestehens von Herausforderungen, dem Ehrgeiz über den Status des Problemkindes hinaus.

Dadurch Ängste zu bewältigen, Enttäuschungen zu verarbeiten und nicht nur sein Ziel zu erreichen, sondern womöglich auch jenes Außenstehender klarer erscheinen zu lassen: Das steckt alles mittendrin im bunt zerfahrenen Baukasten aus audiovisuellen Blitzmomenten, absehbaren Running Gags und Figurenschablonen zur Emulation einer Struktur. Zu viel Schein überschattet das Sein, welches in seiner versierten Computeranimation zudem so viel Leben und Ausdruck beherbergt, dass man sich wünscht, Kamera und Schnitt würden nicht so teilnahmslos an ihm vorbeihuschen. „Findet Dorie“ nimmt den Charme allerdings als gegeben hin, wie er auch Marlin und Nemo aus Teil eins einarbeitet, ohne sie in diesem Rahmen als echte Figuren fungieren zu lassen. „Ganz die Dorie“, könnte man sagen, doch wenn sogar neue Mitstreiter wie Oktopus Hank im Kennenlernen an Vollwertigkeit zurückstecken müssen, hinterlässt das eben nur wenig Eindruck. Da lässt sich noch von Glück reden, dass der individuelle Heilungsprozess im Zentrum seine stimmige Ader findet, teilweise sogar effektiv auf die Bitterkeit der Bewältigung schielt und seine Gesten aufrichtig wie taktvoll darbietet. Wenn sich doch nur nicht das „Halb“ so bemerkbar und manchmal auch behauptet anbiedern würde …

Meinungen

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