Was ist besonders an einem Film über eine Beziehung, über Strahlen und Schatten der Liebe? Jeder erlebt sie, kann von ihr getroffen und versenkt werden. Umso beachtlicher, wenn ein Filmemacher wie Philippe Garrel es schafft, diese Seiten auf der Leinwand zum Leben zu erwecken. Vieles darin beruht auf Wiedererkennung, die in einem Medium voll abgebildeter Menschen grundsätzlich gegeben ist. Allerdings erfordert es genaue Beobachtung und Menschenkenntnis, emotionale Strukturen, ob nun dargestellte oder unterschwellig vermittelte, wahrhaft verinnerlichen zu können. Genau das funktioniert „Im Schatten der Frauen, indem Garrel durch eine stilistische Konzentration die Wege der Liebe zwischen Manon (Clotilde Courau) und Pierre (Stanislas Merhar) beleuchtet. In der Bodenständigkeit der Schwarz-Weiß-Optik und kurzen 73 Minuten steigt er unbeschwert in ein universelles Paar des Mittelstandes ein, das sich zumindest über Kunst in die Elite des Großstadtlebens wünscht, aber gleichsam vom Existenzminimum, also auch dem Erhalt der Liebe, lebt. Immerhin widmen sie sich gemeinsamen Projekten, speziell der Arbeit am Film, die deren gegensätzliche Persönlichkeiten in der Verpflichtung zueinander bündelt. Wie letztere zustande gekommen ist, bedarf keiner Erklärung – vielmehr zeichnet sich das tiefe Verständnis im natürlichen Umgang der Darsteller ab, deren undramatischer Alltag zunächst im Vordergrund steht.

Wohl, weil dies derart unaufgeregt beobachtet wird, gelingt die Identifikation auf schnellem Wege. Garrel vermeidet die Fixierung auf eine Perspektive und balanciert Introvertiertes wie Extrovertiertes beider Geschlechter. Sein bereitgestellter (und doch angemessen eingesetzter) Erzähler im Off spricht sowohl für Manon als auch für Pierre und drückt deren Zwiespälte aus, ohne Redundanz in Kombination mit der Bildebene zu erschaffen. Was jene Charaktere denken und wie sie dies vor dem Partner verschweigen, ergibt hier eine Einheit, die sich nur allzu nachvollziehbare Gedanken um Wesen und Ideale der Zweisamkeit zwischen Mann und Frau macht. In Gang gesetzt wird dies durch auf beiden Seiten vollzogene Seitensprünge, welche unsere Protagonisten zu Partnern führen, die eher ihrer eigenen Persönlichkeit entsprechen. Eindimensional bleiben diese in ihrer Funktion gewiss nicht, allen voran Pierres Liebhaberin Elisabeth (Lena Paugam), die über das sexuelle Einverständnis hinausgeht und sich in das brüchige Eheleben einmischt. Sie ist ein Faktor der Schuld und Sehnsucht, der sich um die Konfrontation zur Wahrheit dreht. Auf der Suche nach dem Glück braut sich in beiden Herzen ein Schmerz aus Eigennutz und des Sich-vernachlässigt-Fühlens zusammen, der in Garrels Verknappung umso intensiver eskaliert, je unvereinbarer sich die Partner ihrem Gegenüber behaupten wollen beziehungsweise müssen, um die Oberhand zu behalten.

Es ist einerseits Ausdruck einer modernen Generation, die in der vielfältigen Auswahl nach ultimativer Zufriedenheit strebt, sich allerdings in der Mittellosigkeit der Charaktere verliert und innerhalb der minimalistischen Inszenierung verdeutlicht wird. Andererseits ist Garrel aber keiner, der daraus eine Lehre ziehen will und zur Monogamie zurückzukehren drängt, da er die Ungewissheit seiner Figuren ernst nimmt, statt sie der Moral zu unterwerfen. Gesellschaftsmodelle und Politik sind hier eher die Schuldigen für eine Menschenzunft, die sich und andere belügt, um einen Status zu erhalten und aufrechtzuerhalten. Dies stellt sich schon an der Hauptfigur von Pierres Dokumentarfilm über einen ehemaligen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg dar, setzt sich im Zerfall der Ehe fort, obwohl keiner ohne den anderen kann und dennoch nicht imstande ist, sich auszusprechen. Niemand ist fehlerfrei, genauso wie der Film, der den Makel eines dünnen Piano-Soundtracks zeitweise als überflüssige Akzentuierung der Tragik einsetzt. Gleichsam ist man jedoch gerade durch Fehler menschlich und lebendig – wohl auch deshalb erzeugt der Film im Zuschauer Resonanz, die tiefer nachwirkt, als dass Garrel sie emotionalisieren oder im Pathos der Kinoromantik zur Schau stellen müsste. Statt Naivität schlägt hier, so weit es geht, Realität aufs Gemüt.

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