Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „In der Welt habt ihr Angst“.

Der bislang letzte Film von Hans W. Geißendörfer zieht noch einmal alle Register, wenn es um die Verknüpfung seiner Themen geht. „In der Welt habt ihr Angst“ ist jedoch kein berechenbares Finale und trotz aller Bezüge zum Gesamtwerk ein irres Wesen, das seine Palette in die emotionale Wildnis anno 2010 verlagert und dennoch mit einem verfremdeten Realitätsverständnis spielt. Dies hat zur Folge, das in der hier stürmischen, sprich fehlenden Perspektive der bundesdeutschen Jugend der Moderne nur noch der Ruhepol Liebe bleibt, der vor allem gemeinsam gen Untergang treiben will. Drum herum kündigt sich also trotz kleinstädtischer Atmosphäre in Bamberg ein Chaos an, dem Geißendörfer mit einer rasanten Abfolge der Ereignisse, direkt in die Eskalation, entgegenkommt. Ohnehin ist das Prozedere im Verlauf bedingt reflektiver Natur; eher eines, bei dem man in unregelmäßigen Abständen „Auch das noch!“ als Zuschauer von sich geben darf. Dennoch steht am Anfang die Sehnsucht – und zwar jene zwischen den Heroinjunkies Eva (Anna Maria Mühe) und Jo (Max von Thun), die auch in der Sucht ihre Liebe und Ängste teilen. Der Flucht vor einem kaputten Alltag will man im Entzug begegnen, allerdings außerhalb, am schwarzen Strand der Kindheitserinnerungen in Neuseeland.

Ehe dies geschehen kann, verweigert allerdings das Familiäre diese Option. Evas Vater Johannes (Hanns Zischler) schmeißt sie bei ihrem plötzlichen Erscheinen wortlos aus dem Haus, obwohl er ihr Geld im Überfluss geben könnte, jedoch nicht die Motivation des Entzugs abkauft. Die Bitte des Kindes wird isoliert, Zuneigung und Vertrauen abgestellt, weil Eva und ihr Freund schon gar nicht ins Schema passen. Im Delirium der Sucht folgt auf diese Enttäuschung nur kalte Verzweiflung, gierend nach dem Ausweg in einen Frieden, der vom naiven Geist der Jugend erdacht wird. Um an Geld zu kommen, wird es kriminell, sogar tödlich, und ehe man sich versieht, trennen Flucht und Gefangennahme das vermeintliche Glück, welches weiterhin bloß auf Abweisung trifft – und das in einem Tempo, das seine omnipräsente Stimmung mit aller Konsequenz zum Ausbruch führt. Im selben Moment entwickelt sich parallel aber noch eine andere Station unter dem Dach des Lehrers Paul Krämer (Axel Prahl), dessen Frau schon länger eine Affäre verklärt, an jenem Tag aber entlarvt wird.

Es kriselt auch in diesem Konzept des Zusammenseins, für das Geißendörfer so effizient eine Geschichte entwickelt, wie sie auch im Ensemble einer Serie wie seiner „Lindenstraße“ zum Drama kommt, hier allerdings im Rahmen eines Films funktionstüchtig (mit Betonung auf tüchtig) gemacht wird. So entwickeln sich auch Zufälle, die Eva direkt zu Krämer führen, ihn zu einer Geisel in eigener Wohnung wie Hans Reindl in „Bumerang – Bumerang“ machen und für eine Verbarrikadierung vor der Verfolgung sorgen. Der Cold Turkey wird erlebt und die anfangs störrische Geisel lernt mehr von den Umständen. So plump das auf dem Weg zur Ersatzfamilie klingen mag, so geschieht es im Dialog auch nicht unbedingt selten, genauso manche charakterliche Hintergründe per Erklärungen, die sich explizit um Schuld, Träume und Verständnis bemühen. Am wenigsten überzeugt trotz empathischer Atmosphäre die Suggestion, dass eine telepathische Verbindung zwischen Liebenden besteht, als gäbe es keinen Abstand in der Enge. Ein Wunschgedanke, der bewusst jugendliche Impulse anspricht, sich aber wieder mit der Drastik gezeigter Situationen beißt.

Die Moral der Unschuld ist hier ambivalent, direkt in der Sühne gelandet und diese auch büßend, aber ebenso um romantische Belange der Freiheit kämpfend. Die Schlussfolgerung Geißendörfers dazu bleibt auch (mit Tendenz zur bitteren Unmöglichkeit) offen, nur flirtet sein modernes Märchen ebenso mit Drogenhysterie und kleinbürgerlichem Humor. Deren Lösungswege sind gewiss unkonventionell, aber auch ein Stück anorganisch, obgleich die Zwiespälte des Herzens, (wie oft bei Geißendörfer) unter Väter und deren Kindern, in nachvollziehbare Widerstände geraten. Liebesentzug hat hier jedenfalls auf allen Seiten seine Folgen, ob es nun Krämer, Jo, Eva oder deren eifersüchtigen Ex-Freund betrifft. Da lässt es sich nur schwer werten, wie das gut Gemeinte zum Verhängnis verkommt oder die Untat als nötiges Mittel umgekehrt wurde. Gerade aber letzterem Punkt schenkt Geißendörfer eher gefällige Worte, und obwohl der Reiz zum Outlaw auf der Leinwand kein schlechter sein muss, scheint er hier einem Wunschdenken entsprungen zu sein.

Trotz aller schönen und schiefen Töne in dieser Musikmischung (von Bach bis Björk) ist gewiss noch nicht alles gesagt und lässt auf weitere Werke von Hans W. Geißendörfer hoffen, die seine nicht nur thematische Vielfalt konzentrieren und ihm die Anerkennung zukommen lassen, die er sich inzwischen verdient hat. Dieser Film allerdings bildet, wenn überhaupt, nur die Vorhut zum großen Ganzen.

Meinungen

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