Todd Solondz wird seinen Pessimismus wohl niemals ablegen. Manch einer meint im Alter weiser werden zu wollen und dem Glück zu verfallen; Harmonie, Heimat und Rente zu finden, in dem Glauben, dass alles letztendlich gut wird. Blöd nur, dass es eigentlich unmöglich und naiv ist, die Konflikte der Weltgeschichte dabei auszuklammern. Hunde, wollt ihr ewig leben? Behaltet lieber erst einmal euren Biss vor! „Wiener-Dog“ lautet sodann Solondz’ Ansage, weiterhin die Augen offen zu halten, was seit jeher an Leiden vorherrscht. Angekündigt als Quasifortsetzung zu „Willkommen im Tollhaus“ kommt er aber wiederum nicht umhin, die Perversion des Zynismus als absurden Existenzialismus zu verdichten, zwar stets die Empathie im Verletzten zu finden, Hoffnungsschimmer aber dennoch nicht als Katharsis der Sicherheit zu hinterlassen. Vier Episoden peilt er dafür an, in denen sich profunde Stationen des Lebens abspielen und doch einen verbindenden Faktor innehaben: Der Hund vom Titel, eine Dackeldame unbedingter Zuneigung, von einem zum nächsten gereicht, ohne dass Solondz dafür ein weit hergeholtes Narrativ einholen würde.

Dieses Format kommt aber auch nicht von ungefähr, schließlich besteht die universelle Parallelität zwischen Mensch und Haustier nicht erst seit gestern. Warum also eine Trennung forcieren? Nun, gerade das ist allerdings Thema Nr. 1 in Episode Nr. 1, in der der kleine Remi den Wiener-Dog als Geschenk von seinen Eltern erhält, die jedoch unter sich wenig Gegenliebe aufbringen können und die logistischen Komplikationen eines Hundes erst recht eher argwöhnisch betrachten. Als unbedarftes Kind kann Remi das neue Haustier hingegen nur als Teil seiner Familie klassifizieren, Vater Dan (Tracy Letts) jedoch will des Tieres Willen der Stubenreinheit wegen brechen, um es näher am Menschen zu domestizieren; auch wenn sich aus dieser Kausalkette reichlich Widersprüche ergeben. Diese belegen aber auch das verzerrte Verständnis, die manch gesellschaftliche Strukturen für den Menschen übrig haben, während sie Liebe, Güte und Wahrheit predigen und Hass dort anbringen, wo sie in der Wechselwirkung nicht den Tod vertragen können. Selbst die zärtliche Seite dessen, repräsentiert durch Remis Mom Dina (Julie Delpy), kommt zu seinem Schutze mit Lügen daher und indoktriniert eine Moral voller Grenzen.

Solondz’ Inszenierung ist dabei stets unaufgeregt, döst manchmal auch leicht in der Beobachtung, doch schneidet die Erbarmungslosigkeit mit, wenn das Suburbane seine Mauern um die Unschuld legt. Unter diesen Voraussetzungen bleibt kein Platz für Fairness, aber zumindest für die Präsentation des schwachen Willens von Frauchen und Herrchen, wenn „Clair de Lune“ die Diarrhö am Bordstein ausbreitet. Und so ein Dackel ist in jeder Sekunde ohnehin das Drolligste, was auf die Leinwand projiziert werden kann – Solondz nimmt entsprechend oftmals Haltung ein. So oder so ergibt sich aber mehr eine bittere denn bittersüße Angelegenheit – was sich auch in der zweiten Episode fortsetzt und den Zuschauer mit Dawn Wiener (Greta Gerwig) sowie ihrer Hassliebe aus dem „Tollhaus“, Brandon McCarthy (Kieran Culkin), wiedervereint. Beide wirken wie gestrandet im erwachsenen Leben, uneins darüber, wie sie miteinander umgehen sollen. Ein Hundeleben bedeutet auch Instinkt zur Treue, selbst zur Beziehung im Road Trip der Zweifel, der ebenfalls an den Gästen Amerikas nagt (als ob Solondz Trump vorausgeahnt hätte).

Im Land unbegrenzter Möglichkeiten sind eben auch Konformität und ein gebrochener Wille erforderlich, sofern man nicht doch im Stillen nach der Güte schaut, die sich des kollektiven Drangs wegen nicht weiter als vor die Haustür trauen mag. Die Gesellschaftsmodelle, Symbole, Hunde und Menschen verlaufen hier nahtlos und doch still im Nirgendwo, dass eben das eintritt, was die erste Episode prophezeite: Die Gnade in der Emotion gegenüber der Sterblichkeit, gefolgt von der Zwischenlösung des gemeinsamen Überlebens. Auch wenn sie keinem Ideal entsprechen mag: Welches besitzt dieser Tage noch unendliche Haltbarkeit? Und obwohl Solondz an jener Stelle nur bedingt mit der „Happiness“ kokettiert, bleibt er human und in entscheidenden Momenten zärtlich, den Außenseitern verpflichtet und doch nicht so voller Ernst geladen, wie es ein Robert Bresson gezeichnet hätte. Das beweist er mit einem Zwischenstopp voller Dackel-Bewegung, ehe er seinen weiteren Schritt, in die Midlife-Crisis, wagt. Fast genauso klein wie das Würstchen an Hund wirkt Filmdozent Dave Schmerz (Danny DeVito), der mit seinem Namen so untrennbar verbunden ist, wie er voller verpasster Chancen steckt, die ihm versprochen und an andere Agenten abgetreten wurden.

Ihm sitzen tagtäglich Hipster gegenüber, während er sein Inneres in die Arbeit zu injizieren versucht und Wahrheiten aus den Tiefen der Kindheit aufbringen will. Doch dem Konsens gemäß sind externe Zutaten angesagt und nötig, wenn er denn aufgrund seiner Negativität nicht vom wackligen Sessel seiner Existenz gefegt werden will. Solondz zieht die Spannung vorheriger Episoden stärker auf, je weniger Sätze ins Herz stechen und aus dem Schweigen die Lügen filtern lassen. Selbst im Schmerz bleibt nur der Dackel, an seinen Kompetenzen misst sich eh kaum noch einer, auch wenn die Entsagenden die Wahrheit für sich entdeckt haben wollen. Für wahr eine Dog-eat-Dog-World, so wie sie ihren Zynismus in Empfang nimmt und selbst mit guten Absichten andere unterdrückt. Im Rahmen jener Filmschule stellt Solondz auch ein Stück Insiderkritik heraus, die Nähe zum kleinen Mann vom Medium vergangener Tage, ehe der Gegenschlag wie gehabt im Kleinen erfolgt, aber mit übertriebener Machtdemonstration entgegnet wird. Der Kunst wird sich angeeignet, ohne sie zu verstehen, menschlich zu begreifen – Regisseur und Autor Solondz denkt diese Haltung ein Stück aberwitziger in der finalen Episode weiter.

Oma (Ellen Burstyn) befindet sich im Endstadium des Lebens und ist vollends vertraut mit der Starre des Daseins, ehe Enkelin Zoe zu Besuch kommt und wiederum all die Unsicherheit in sich trägt, die jede Generation in der Gegenwart des entmenschlichten Leistungsdrucks zu tragen hat. Dafür gibt es kein Gegenmittel – das stellt Solondz in einer surrealen Sequenz dar, die anfangs an den Traum des „What if?“ appelliert und schließlich doch von der Uniformität der Realität eingeholt wird. Fies und bar jeder Kompromisse ist er mit Schwärze dabei, erst recht, wenn das Künstliche diese noch einmal pervertiert in den Schaukasten stellt, dass man ihm die Empathie nimmer absprechen kann. Wenn er so kurz(weilig) und schmerzhaft in die Wunde bohrt, dass man den Witz eben nur zu gut nachvollziehen kann, in dieser Welt wie ein Hund leben zu müssen, obwohl man es ja eigentlich besser wüsste.

Meinungen

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