Jeff Nichols ist seit „Take Shelter“ bei Science-Fiction-Fans in aller Munde. Nicht nur, weil der Amerikaner ungemein atmosphärische Filme dreht, sondern, weil er dem amerikanischen Kino in der kargen Landschaft Hollywoods mit alten und neuen Ansätzen Leben einhaucht. Außerdem schreibt er seine Filme selbst, was eine willkommene Bereicherung ist. Sein bislang vierter Spielfilm, „Midnight Special“, startet nun im Wettbewerb der Berlinale – und ist für viele einer der Favoriten auf den Goldenen Bären. Zurecht?

Nichols’ Stärken liegen vor allem in Inszenierung und Dramaturgie. Spannungsbögen entern sich gegenseitig, verschiedene Plots hageln gleichzeitig auf die getriebenen Menschen, die in Fanatismus und Sehnsucht nach Erlösung auf den Protagonisten abzielen. Alton (Jaeden Lieberher) ist dieser Protagonist, ein kleiner Junge, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Auf einer Ranch wird er als Messias verehrt, weil er bei Anfällen sonnengleich aus den Augen strahlt und in verschiedenen Sprachen Informationen von sich gibt, welche die Gläubigen als Worte Gottes verstehen. Sie haben eine Sekte gegründet und glauben wegen Altons Anfällen an die bevorstehende Apokalypse, der sie nur mit seiner Hilfe entkommen können. Zusammen mit seinem Vater Roy (Michael Shannon) und dessen Kumpel Lucas (Joel Edgerton) flieht Alton vor den Fanatikern, geleitet von einem inneren Antrieb, dem auch das FBI auf der Spur ist. Dabei überrascht Nichols am laufenden Band mit unerwarteten Wendungen und entwickelt einen meisterhaften Regiestil in seinen Actionszenen. Das Geheimnis von Alton ist der zentrale Kern des Films, alles andere wird geschickt um diesen herum gewoben, vorbildlich eingefangen von Kameramann Adam Stone, der für die Bilder von Nichols’ kompletter Filmografie verantwortlich ist.

Michael Shannons Schauspiel ist wie immer beeindruckend, seine kühle Dominanz spiegelt sich in seinen Taten wider. Ruhig, introvertiert, aber mit einem festen Ziel vor Augen, treibt sein Roy das Geschehen an und setzt wichtige Impulse. Sein Freund Lucas ist ein Mensch mit mehr Herz als Verstand, auch Edgerton ist hervorragend als helfende Hand, die den schmutzigen Weg bereitet. Kirsten Dunst, Altons Mutter Sarah, ergänzt das Quartett auf der Suche nach dem inneren Glück. Ihre Akzente bleiben jedoch im Vergleich eher blass, weil ihre Fürsorglichkeit und Authentizität nur begrenzt wahrnehmbar ist. Der junge Alton wächst hingegen im Laufe des Films auf interessante Weise und erinnert an Spielberg-Figuren wie Haley Joel Osment aus „A.I. – Künstliche Intelligenz“. Allgemein ist das amerikanische Kino ein Haupteinfluss von Nichols’ Herangehensweise, ergreifende Geschichten massentauglich zu machen. Die Faszination für fremde Welten führte schon unzählige Charaktere zu fremden Welten. Der Traum ist erst dann aus, wenn die Angst einflößende Realität gewinnt.

Die Realität ist in „Midnight Special“ keineswegs rein fantastisch, obwohl der Glaube an das Übernatürliche eine wichtige Rolle spielt. Dieser Glaube, der als Idee möglicherweise seinen Ursprung in Nichols’ eigener Vergangenheit hat (er ist selbst in einer Methodistengemeinde aufgewachsen), wird zwar kritisch betrachtet, jedoch vielmehr differenziert als Motivation für verschiedene Charaktere angegeben. Alton wird in Form des FBI und der Ranchsekte vom Verlangen nach Macht und Überleben gejagt; seine Figur ist eine Waffe und ein Heilsbringer, dessen eigener Schaden für die Parteien absolut keine Rolle spielt. Nichols bindet dabei die NSA in das Geschehen ein, Repräsentant Paul Seviers (Adam Driver) Versuche, im Meteorregen mitzuspielen, sind aber leider unglücklich. Er wirkt wie ein belächelter Nerd-Diplomat, dessen Hilfe zwar gewisse Relevanz hat, die Geschichte aber nur bedingt interessanter macht. Gerade, weil seine Szenen neue, sogar aktuelle Impulse hätten liefern können, wäre seine Figur weitaus ausbaufähiger gewesen.

Dennoch besitzt Nichols die Fähigkeit, eine durchwegs bedrohliche Stimmung in einer dynamischen Atmosphäre einzugliedern. Charaktere wie Plots strahlen eine hohe Intensität aus, konstant findet sich die Dunkelheit im beißenden Sonnenlicht wieder. Grenzen werden überschritten und kleine bis große innere Reisen machen „Midnight Special“ zu einem interessanten Spektakel, das durch seine Dauerspannung eine immense Erwartungshaltung evoziert, die sich jedoch in einer unspektakulären Vorstellung entlädt – ihrem zuvor eingeleiteten Intensivangriff kann kein Schachmatt folgen. Das ist schade, weil Nichols’ Sinn für Inszenierung erneut spürbar ist und sein Talent eine ernstzunehmende Bereicherung für das amerikanische Autorenkino darstellt.

Meinungen

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