Der Zauber im Kino manipuliert, verzerrt, indoktriniert und scheucht die Augen seiner tapferen Helfershelfer mit der Fernbedienung und der Popcornschale in der Hand dorthin, wo gesehen werden muss. Die Realität auf der Leinwand verschleiert dabei auch die Realität hinter ihr. Nicht immer alles Sinnliche und Betörende in den Bildern umschleicht den Stab hinter den Bildern, der diese Bilder erst zu Bildern modelliert, die bei uns nachwirken können. Zwist, Zoff, Auseinandersetzungen und Entgleisungen entscheiden darüber, welche der Bilder in der zu erzählenden Geschichte verbleiben, welche aufgehübscht und welche lieber gar nicht erst verwendet werden – eben das übliche Programm kreativer Gruppen- und Diskussionsprozesse. Das bestmögliche Ergebnis zählt. Möchte man meinen.

Oft ist das Strukturieren eines riesigen Bilder- und Einstellungsarchivs zur Architektur aus Bewegung und Stillstand aber auch mit Wahnsinn verbrüdert, schlicht allgemeingebräuchlichem, zwischenmenschlichem Wahnsinn. Wahnsinn ist zugleich das exakteste aller Wörter für den verwegenen Blick hinter die Kulissen von Friedrich Wilhelms Murnaus Vampirklassiker „Nosferatu“. Freilich nicht der reale, sondern der irreale, deshalb gleichermaßen Hommage wie Making-of, Kunstessay und Begleitdokumentation, Titel: „Shadow of the Vampire“. „Shadow of the Vampire“ spielt mit der Scheinrealität in der sich durch die Kamera sowieso bereits abgekapselten visuellen Realität, kokettiert mit einem Max Schreck (Willem Dafoe) als Hauptdarsteller und echtem Vampir unter obskuren Produktionsumständen. Drogenspritzen, Affären des Kameramannes und Seelenkrankheiten aller Beteiligten sind die Nebenwirkungen, diesen einen wahnsinnigen Film zu vollenden, nur diesen einen. Was der auch immer erzählen will. Für den Wahnsinn muss man so oder so selber wahnsinnig werden.

Und wahnsinnig ist alles an E. Elias Merhiges Arbeit. Wie sich John Malkovich (als Regisseur Murnau ein beträchtlicher Kotzbrocken) und Willem Dafoe (als Vampir Graf Orlok beängstigend nah an der Anatomie seiner Figur) immer näher kommen, in düsteren Gewölben, die Gesichter angespannt zu schreienden Fratzen im Fiebertraum, wie sie sich beinah zerfleischen, sich die Blicke überirdisch verkeilen, der Schutz zwischen ihnen lediglich die Kamera: Mit expressiver Geste überzeichnet, jener folglich, die dem Genre ihre romantisierende Theatralik gibt, stellt „Shadow of the Vampire“ eine bizarre Karikatur dessen dar, wenn Film im Film zu Film wird. Ein Film über einen Film, postmodern überlagert (schwarz-weiße Originalaufnahmen Murnaus verschmelzen mit denen, die Merhige erstellt), weder besonders spannend noch sonderlich zuschauerfreundlich, artifiziell, unterkühlt und teilweise bemerkenswert amüsant. Zu schauwertarm und blutleer vor allem, als dass eingefleischte Vampirfreaks auf den Geschmack kommen könnten.

Der souveräne Umgang der Erzählebenen offeriert allerdings vielfältige Deutungsmöglichkeiten. In dem Moment, wenn Merhige Antonionis in „Blow Up“ aufgeworfene Frage nach dem Anspruch der Wahrheit in einer Imagination der Wirklichkeit verhandelt, verhandelt er zugleich den Wert des Kernorgans im Organismus Kino, Bilder zu zweiten Realitäten zusammenzufügen, die denen der unseren irgendwie nah scheinen und irgendwie fern. Gegen Ende des Films verschwimmt gar alles in einem Massaker aus zwei kaum noch unterscheidbaren Welten. Die Schlussszene in „Shadow of the Vampire“, die ungemein mephistophelische Sterbeszene Graf Orloks, mutiert zum jenseitigen Auslöschungsakt. Im Aufzeichnen dieses grauenhaften, bestialischen Moments dreht die Kamera unaufhörlich weiter, weil sie der Täter ist. Denn was nicht auf Film gebannt wurde, existiert nicht. Trotz einer Prise schauspielerischer Selbstverliebtheit auf den Schultern Malkovichs, der manchmal etwas unglücklich besetzt wirkt, kostet das Drehbuch die Poesie der auf Zelluloid gebannten Erinnerung aus, die niemals verblassen wird. Und deren Obsession, alles dafür zu tun.

Nicht zuletzt erinnern kaum nachlassende Querelen finanzieller Natur zwischen dem Produzenten und dem Regisseur an das verkommene, moralisch skrupellose Blutsaugergeschäft Film allgemein, und die langen Schatten von Graf Orloks Fingerklauen betäuben die Umgebung mit Finsternis. Das ist ein Bild, das zu den Gruselbildern aller Gruselbilder zählt, davor in Murnaus „echtem“ Film weltberühmt apostrophiert. Leiden und Gebrechen des Grafs sowie die Aufgabe an den Zuschauer, (Kamera-)Fiktion aus der Realität und Realität aus der (Kamera-)Fiktion zu filtern, sind die essenziellen Hauptaspekte dieses lustvoll selbstreflexiven und selbstreflektierenden Filmkommentars, der nebenbei alle Gesetze der Vampirmythologie missachtet und, sobald man meint, sich endgültig sicher im anderen Genre zu fühlen, wo auch immer das sein mag, urplötzlich eine Fledermaus angeflogen kommt.

Meinungen

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