Ursprünglich sollte an dieser Stelle eine euphorische Rettung von David Ayers „Suicide Squad“ stehen, nachdem sich dieser im Kreise US-amerikanischer Kritiker eine dicke Schlappe einfangen musste. Zu naheliegend erschien die Vermutung, dass – wie zuvor bei Zack Snyders Einträgen der neuen Reihe DC-Comicadaptionen – die andersartige Herangehensweise an jene eskapistischen Stoffe aus Prinzip in eine Außenseiterposition bugsiert würde. Problematisch wird es jedoch, wenn der Impuls des Andersartigen nur noch bedingt anzufinden ist und zu einem Etwas kaputtarrangiert wurde, das in seiner Urform womöglich stimmigere Werte vermittelt hätte. Spätestens ab der zweiten Hälfte wird deutlich, dass der Modus Operandi des Films ab einem gewissen Punkt schizophren verläuft und zumindest auf eine Ziellinie zulaufen kann, die allerdings einen ersten Akt derselben Dramaturgie erfordert hätte. Es kann unmöglich von künstlerischer Absicht gesprochen werden, wenn man sich anfangs mit einem zusammengeschnittenen Chaos an Exposition, fragmentarischen Flashbacks, durcheinander gestapelten Soundtracks und Motivationen konfrontiert sieht, das unsicher in seinem Flow wirkt, ehe die Geradlinigkeit der Mission von einer Kohärenz zeugt, die auf sorgsamen, aber spärlich durchgerungenen Charakterwerten baut. Die im Internet aufgetauchte Liste mit Beschreibungen angeblich herausgeschnittener Szenen tut ihr Übriges, den Verlust einer konsequenten Inszenierung zu befeuern.

Stattdessen sind poppige Texttafeln zur Etablierung im Überholtempo zugegen, um die Wahllosigkeit des Ensemble-Managements zu kaschieren und eine Dosis künstliche Spaßigkeit aufzusetzen, die dem anstehenden Prozedere eigentlich gar nicht liegt. Die musikalische Akzentuierung dessen bindet vielleicht noch am ehesten den figurenbezogenen Anstrich der Anarchie, wenn sich denn ein Rhythmus aus jener Konstellation ergibt – selten bringt Ayer so die Gangsta-Ästhetik seiner Superbösewichte auf den Punkt, sobald das harte Ambiente sie als Exzentriker ausstößt und als metamenschliche Schutzschilde wieder hineinzieht. Der Grund jenes Plans der Task-Force-X-Initiatorin Amanda Waller (Viola Davis) via der globalen Zerstörung durch Azteken-Zauberin Enchantress (Cara Delevigne) hetzt sich dafür zwar besonders konfus zur Action, ohne dabei bewusst die Entbehrlichkeit angewandter Blockbuster-Topoi kommentieren zu dürfen – doch ein gewisses Potenzial kann man dem Konzept nicht abstreiten. Schließlich setzt es Ayer darauf an, hinter die Maske der Soziopathen zu schauen, die Tragik eines jeden im Spektrum der Fieslinge zu offenbaren, denen psychisch manipulierte Abhängigkeiten (Margot Robbie als Harley Quinn, Freundin des Jokers), durchs Milieu verbaute Vater-Tochter-Beziehungen (Will Smith als Deadshot) oder eskalierte Wutausbrüche im Kreise der Behutsamkeit (Jay Hernandez als El Diablo) ins Gesicht geschrieben stehen.

So kontinuierlich sich diese Szenarien entfalten, kommt nach Momenten repetitiver Grundsteinlegung zeitweise ein Gefühl der Überraschung auf, das sich mehr lohnen würde, hätte man als Zuschauer von vornherein eine Begegnung auf Augenhöhe mit diesen Wiggas, Bitchez und Homies erlebt. Einer gepflegten Ladung Kanye West, Eminem und Co. im Wust der giftigen Jungs und Mädels folgend, findet man sich jedoch schnellstens auf dem Schlachtfeld wieder und mäht Massen an gesichtslosen Schergen nieder, bis der erzwungene Schutz des Supersoldaten Rick Flag (Joel Kinnaman) – à la „Die Klapperschlange“ mit tödlichem Sender an der Gurgel – so manch heroische (audiovisuell tolle) Bewährungsprobe hervorruft. Die Lage bessert sich allmählich zur Identifikation von zunächst widerwilligen Räuden, die binnen der Selbstmordmission zur gegenseitigen Rückendeckung auf ihr Herz hören, wenn sie sich zumindest darin einig sein können, die Schuld an ihren Makeln einzugestehen und damit (selbst für immer hinter Gittern) leben zu können. Da steigt mehr Ehrlichkeit auf als in den strategischen Lügen von denjenigen, die sie ins Krisengebiet schicken. Folglich ist der Umgangston untereinander auch nicht besonders gefällig, von Ayer wie gewohnt im rotzigen Zynismus angesiedelt und zumindest dabei von Typen wie Mädels repräsentiert, die ihre Kaltschnäuzigkeit wie eine Ehrenmedaille tragen, wahrhaftig nasty an Schlagfertigkeiten aufstocken und Gefahren lächerlich machen, als gelten die Regeln des Gettos auch im Kampf gegen übernatürlichen Bombast.

Mit der Menge an verschieden farbiger Kultur im Gepäck ist die Ehre unter Dieben ebenso von essenzieller Bedeutung auf der Spur hin zur Empathie mit dem Bösen, insbesondere wenn dafür sogar Schlüsselmomente des Konflikts in geerdetem Schauspiel passieren und eine Aufrichtigkeit evozieren, die kein stylisches Geballer ebenbürtig auffangen kann – dann doch eher einige höchst morbide Eindrücke der Zerstörung oder sogar eine Anspielung auf den „Zauberer von Oz“, wenn sich die Wunschvorstellungen jedes Schurken als Katharsis individueller Fehler manifestieren wollen. Was innen wie außen an der Fassung der Antihelden obduziert wird, findet sein Format im Comicfilm-Konsens; leider muss es über mehr Ebenen als nötig gefiltert werden – und das nicht einmal nur im Hinblick auf die grellen Posen und Zeitlupentricks. Deutlichstes Opfer dieser Maßnahme zeigt sich in Jared Letos Variation des Jokers, der im Kontext dieser Fassung eine beinahe unbedeutende Funktion einnimmt und als Psycho-Pimp höchstens beiläufiges Stückwerk suggeriert. Zumindest trägt er eine Hoffnung an den Zuschauer weiter, dass in Zukunft mehr von ihm zu sehen sein wird. Die Frage ist nur, ob die Entscheidungsträger hinter den Kulissen wirklich imstande sind, diese zu liefern oder wieder voller Ungeduld auf die Töne des Heldenpathos drücken.

Meinungen

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