Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass M. Night Shyamalan seit Jahren vom Sockel der Filmqualität abrutscht und kaum noch Erwartungen erfüllt, die von „The Sixth Sense“ ausgehen. Das muss nicht unbedingt etwas bedeuten. Im Gegenteil: Werke wie „The Happening“ schaffen mit bewusstem Nonsens Spaß am Horror, wie auch die demonstrative Haltung des Regisseurs gegen Kritik in „Das Mädchen aus dem Wasser“. Inwiefern letztere Elemente freiwillig amüsieren sollen, sei dahingestellt. Fakt ist, dass Shyamalan seine Funktion als Witzfigur der Industrie nun in „The Visit“ genüsslich ausschlachtet und seinen bis dato vielleicht unterhaltsamsten Film abliefert. So stehen viele Faktoren schon im Vorhinein für das Einmaleins modernen Billighorrors: cineastisch montierte Found-Footage-Sequenzen, neunmalkluge Kinder als Protagonisten, prominent präsente Technik von Facebook bis Skype, ein fern von der Zivilisation gelegenes unheimliches Haus mit irren Großeltern und einer mysteriösen Familiengeschichte sowie ein Twist, wie er von Shyamalan schon als Pointe gehandhabt wird.

Wer den Film und sich selbst als Zuschauer unter diesen Umständen ernst nehmen will, wird es schwer haben, dem Charme des Doofen zu erliegen. Spätestens sobald der kleine Tyler (Ed Oxenbould, „Die Coopers – Schlimmer geht immer“) als T-Diamond Styles einen Freestyle-Rap nach dem anderen in die Kamera seiner prätentiös mit Filmbegriffen fuchtelnden Schwester Rebecca (Olivia DeJonge) probiert, sollte man jede Hemmung verloren haben. „The Visit“ umweht ohnehin ein kindlicher Geist, erst recht im Abenteuer, die bislang nie kennengelernten Großeltern und ihre Macken zu erforschen. Dies etabliert einen Spaß, welcher den Grusel vom Zwang der Anspannung befreit und somit als Spuk zum Augenzwinkern einlädt. Shyamalan bleibt dabei bodenständig und hält eine legitime Genregeschichte bereit, die sich aber nicht erst auf den zweiten Blick mit ironischer Brechung unterfüttert. Spätestens zum Finale wird es dann für die hintersten Reihen offensiv frech, als Shyamalan wortwörtlich das macht, was ihm gerne im übertragenen Sinne unterstellt wird. So fliegt die Kacke mit Schwung ins Gesicht, während der Wahnsinn mit plakativen Sprüchen tobt. Ein Familienfest für jedermann!

Und doch ist Shyamalans Film trotz seiner kindischen oder um Erwachsenheit bemühten Protagonisten kein Klassenclown. Einerseits schafft er innerhalb der Familiendokumentation genau die stilistischen Plattitüden, die man als Fünfzehnjähriger anwenden würde – er hebelt die Kritik an der Machart des Ganzen also aus, da er diese den Charakteren aneignet. Andererseits erfasst er die familiäre Gemeinschaft geschickt in simplen Bildern. Wie das Vertrauen in Erwartungen gelegt wird oder die eigene Mutter seit Verlassen des Elternhauses Schmerzen der Erinnerung hortet und versucht, über den Besuch der Kinder in der alten Heimat eine Versöhnung zu erwirken: „The Visit“ bietet ein durchaus spannendes Spektrum zur Dysfunktionalität der Familie, das sich zudem unerwartet wirksame Emotionen erlaubt. Doch dies drängt sich dem Zuschauer ebenso nicht auf und wird zeitweise genauso spielerisch behandelt, wie der Rest des Films die Regeln des Horrorfilms zum effizienten Schauer mit Lachgarantie nutzt. Ohnehin: Wie oft hört man, dass ein derartiges Genrewerk wahres Vergnügen bereitet? M. Night Shyamalan mag die Eleganz vom Beginn seiner Karriere nicht mehr unter Kontrolle haben, aber wenn er schon öffentlich in die Nähe unfreiwilligen Camps gerückt wird, ist es doch sympathisch, wie er diese Auffassung zu seinem Vorteil nutzt.

Meinungen

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