Die Temperaturen bleiben konstant, doch das Jahr zieht weiter. Noch spürt man wenig vom Herbst – doch die Sommerlaune verzieht sich schon im Schatten sozialer Spannungen, der sich vor allem deshalb aufspannt, weil sich die miefige Gemütlichkeit in ihrer Selbstsucht gefährdet sieht. Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Wer sich dieser Tage von Flüchtlingen bedroht fühlt, hat wohl zu viele Sonnenstiche abbekommen. Nun wird es für andere aber umso schwieriger, abseits davon für Abkühlung zu sorgen. In unserem Fall ist es daher vielleicht sogar unverschämt, die Flucht ins Kino zu empfehlen. Nach dem Eskapismus der letzten Monate, der die Leinwand beherrschte, ist es nun aber auch wieder Zeit, Stoffe empfangen zu können, die einen zerbrechen, Menschen wie fallendes Laub auffangen und aus ihrem Trott auferstehen lassen. Sehet und staunet, was sich in der Hinsicht alles zusammenballt.

Die Filme im September

Am liebsten möchte man mit seinen Augen simultan ins gesamte Spektrum dieses Filmmonats hineinschauen – doch einerseits dürfte der Geldbeutel noch im Sommerloch gesucht werden; andererseits lässt die Zeit nur einen begrenzten Anteil dafür zu. Denn ehe man sich versieht, ist der Monat schon wieder vorbei. Wir bleiben uns daher treu und helfen Euch, den Blick aufs Außergewöhnliche, Wilde und Schöne zu richten, das tief berühren oder verstören, auf jeden Fall aber seinen Weg zu Euch finden wird. Fünf nach Starttermin sortierte Empfehlungen stehen in diesem Sinne bereit und freuen sich auf ein neues Zuhause, ob nun in Eurem Heimkino oder Hirnzellen. Cinderella (diesen Monat ebenso auf DVD und Blu-ray erscheinend) wusste nämlich schon, dass es kein Vergehen ist, sich der Welt „mutig und freundlich“ vorzustellen.

Es ist schwer, ein Gott zu sein

Kinostart: 3. September. Regie: Aleksey German.

Szene aus „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ © Bildstörung

Szene aus „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ © Bildstörung

Wer im Dreck lebt, greift im natürlichen Einklang zu dessen omnipräsenter Nähe. Nur eine bestimmte native Flüssigkeit des Humanen bleibt aus: nämlich das Sperma. In einer Welt, die jenseits der Fruchtbarkeit agiert und die sexuelle Erquickung trotz Bemühungen im Keim erstickt und zudem mit fatalen Verstümmelungen durch hölzerne Phallus-Kolosse bestraft, wäre das Fortbestehen in „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ durch diesen Lebenssaft auch gar nicht mal so wünschenswert. Fraglich ist, ob der scheinbar selbst erklärte Gott Don Rumata diesen Ansporn überhaupt weiter verfolgen will oder ob er mit seiner eisernen Klaue exzessiv dem Ende entgegen wandelt und dabei zum Angriff, gleichzeitig mit und gegen alle, ansetzt. Seine entschiedene Verlorenheit findet Aleksey German jedenfalls in einem bestialischen Spiel mit der Kamera, die nicht selten als Beobachter anerkannt wird und mit einer Fülle an Handlungen zur Desorientierung bewegt werden soll.

Ricki – Wie Familie so ist

Kinostart: 3. September. Regie: Jonathan Demme.

Szene aus „Ricki - Wie Familie so ist“ © Sony Pictures Releasing GmbH

Szene aus „Ricki – Wie Familie so ist“ © Sony Pictures Releasing GmbH

Allein ihr Look ist starker Tobak; eine popkulturelle Blessur der Fünfziger bis Neunziger. Aber Ricki Randazzo pfeift auf die Bourgeoisie – denn Ricki Randazzo hat Meryl Streep. Mit blauem Mascara, Braids, Heels, Leder, Ketten, Schnallen und Riemen dröhnt sie den Rock von gestern (Tom Petty) und manchmal auch den Pop von heute (Lady Gaga). Darin findet Regisseur Jonathan Demme vor allem ein „Los Angeles Chainsaw Massacre“ mit kirschroter Gibson statt Kettensäge, das zwischen Boho-Rockabilly-Flair und Achtziger-Jahre-Yuppi-Melodram tänzelt. „Ricki – Wie Familie so ist“ schnallt sich im Grunde einen Demme’schen Gürtel um, der in einem Konglomerat aus „Stop Making Sense“, „Rachels Hochzeit“ und „Die Mafiosi-Braut“ versucht, über die Beziehung einer Mutter zu ihren drei Kindern zu erzählen. Und das funktioniert so gut, wie es teilweise schlecht funktioniert. Eine aber funktioniert gewohnt furios: Meryl Streep. Denn ihre Ricki ist ein altes, ordinäres Girl unter Dauerstrom – mit Gitarre in der Hand und Star-Spangled Banner auf dem Rücken.

45 Years

Kinostart: 10. September. Regie: Andrew Haigh.

Szene aus „45 Years“ © Piffl Medien GmbH

Szene aus „45 Years“ © Piffl Medien GmbH

When a lovely flame dies, smoke gets in your eyes“: Mit dem inbrünstigen Pathos gebrochener Herzen beklagen The Platters den Abschied der großen Liebe – vor 45 Jahren tanzten Geoff (Tom Courtenay) und Kate (Charlotte Rampling) zu diesem Song auf ihrer Hochzeitsfeier. Und kaum ist die Erinnerung daran ausgesprochen, formt er sich zur bittersüßen Prophezeiung, legt sich wie ein Trauerflor über jeden noch verbleibenden glücklichen Moment. Die Leiche von Geoffs verunglückter Jugendliebe wurde in den Schweizer Alpen gefunden – konserviert in einem Eisblock und von der Zeit gänzlich unberührt. Was in „45 Years“ sinnbildlich dahinschmilzt, sind jedoch nicht die Gefühle selbst, sondern die Schutzschicht aus verdrängten Zweifeln, behaglichen Illusionen und vermeintlichen Sicherheiten, die um fast jede Beziehung gebaut wird, soll sie dauerhaft funktionieren. Ein Prozess, den Andrew Haigh schmerzlich nachempfindbar macht, ohne zu emotionalisieren – stattdessen durchdringt er die Liebe in all ihrer Fragilität und Komplexität wie zurzeit kaum ein Filmemacher, und bewahrt dabei doch eine fast zärtliche Distanz.

Life

Kinostart: 24. September. Regie: Anton Corbijn.

Szene aus „Life“ © Universum/Squareone/24 Bilder

Szene aus „Life“ © Universum/Squareone/24 Bilder

Die exzentrische Einstellung Deans bringt den talentierten Jung-Fotografen an den nervlichen Zusammenbruch. Hartnäckige Bemühungen, der Verzicht auf soziale Verpflichtungen und die Gefahr den Job zu verlieren, führen beide Männer letztlich auf eine Reise zu Deans Familie nach Texas. Hier entstehen erste wirklich gute Fotos, die später mit in die Fotostrecke über den Schauspieler einfließen werden. „Life“ ist Anton Corbijns vierter Spielfilm und erweckt den Eindruck eines großen Fotoalbums. Es beleuchtet sowohl das Leben James Deans als auch Dennis Stocks und stellt beide Männer abwechselnd in den Vordergrund. Schön ist dabei der Wandel, den vor allem die Figur des Fotografen durchläuft. Der Mann kämpft sich von Auftrag zu Auftrag, um endlich einen Karrieresprung schaffen zu können. Dabei ist er ein miserabler Vater und gefangen in seiner eigenen Hartnäckigkeit und Verbissenheit.

The Visit

Kinostart: 24. September. Regie: M. Night Shyamalan.

Szene aus „The Visit“ © Universal Pictures International Germany GmbH

Szene aus „The Visit“ © Universal Pictures International Germany GmbH

M. Night Shyamalans neuer Film „The Visit“ ist trotz seiner kindischen oder um Erwachsenheit bemühten Protagonisten kein Klassenclown. Einerseits schafft er innerhalb der Familiendokumentation genau die stilistischen Plattitüden, die man als Fünfzehnjähriger anwenden würde – er hebelt die Kritik an der Machart des Ganzen also aus, da er diese den Charakteren aneignet. Andererseits erfasst er die familiäre Gemeinschaft geschickt in simplen Bildern. Wie das Vertrauen in Erwartungen gelegt wird oder die eigene Mutter seit Verlassen des Elternhauses Schmerzen der Erinnerung hortet und versucht, über den Besuch der Kinder in der alten Heimat eine Versöhnung zu erwirken: „The Visit“ bietet ein durchaus spannendes Spektrum zur Dysfunktionalität der Familie, das sich zudem unerwartet wirksame Emotionen erlaubt. Doch dies drängt sich dem Zuschauer ebenso nicht auf und wird zeitweise genauso spielerisch behandelt, wie der Rest des Films die Regeln des Horrorfilms zum effizienten Schauer mit Lachgarantie nutzt.

Weitere Starts im September

Ebenso in den hiesigen Lichtspielhäusern laufen an: „Königin der Wüste“ (Pro und Contra) am 3. September; „Fack ju Göhte 2“, „Kill the Messenger“ und „Knight of Cups“ am 10.; „Captive“, „Everest“ und „Sinister 2“ am 17. September; „Man lernt nie aus“ und „Maze Runner – Die Auserwählten in der Brandwüste“ am 24. September.

Für alle, die sich ihre Hintern lieber oder vorrangig auf der heimischen Couch platt drücken, gibt es: „Big Eyes“, „Die Gärtnerin von Versailles“, „Ex Machina“, „Kein Ort ohne Dich“, „Run All Night“, „The Gunman“ und „Warte, bis es dunkel wird“ ab 3., „Bibi & Tina – Voll Verhext“ ab 4. September, „Return to Sender“ ab 8., „Cinderella“ ab 10., „Heute bin ich Samba“ ab 11., „Das Versprechen eines Lebens“, „Mad Max – Fury Road“, „Pitch Perfect 2“, „Traumfrauen“ und „Zweite Chance“ ab 17., „Der Babadook“, „Eine neue Freundin“ und „Nur eine Stunde Ruhe!“ ab 18. sowie „Avengers – Age of Ultron“ ab 24. September.

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „Filmempfehlungen im September“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Kinostart: 08.12.2016

Right Now, Wrong Then

Hong Sang-soo parodiert die Macht der Wahrnehmung, indem er sie egoistisch nacherzählt.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.