Im Englischen gibt es dieses schöne Wort Vanity, das mit vielerlei Bedeutungen übersetzt werden kann. Ob nun Eitelkeit, Aufgeblasenheit oder Nichtigkeit – alles findet einen bezeichnenden Oberbegriff in jenem Ausdruck der zelebrierten Leere. Allumfassend könnte man damit auch die zweite Regiearbeit von Alan Rickman bezeichnen. „Die Gärtnerin von Versailles“ versetzt den Zuschauer in ein Frankreich des 17. Jahrhunderts, mit Rickman selbst als Ludwig XIV. Als Regisseur und Ko-Autor versteht er den Regenten, wie auch den Großteil des Charakter-Ensembles, fernab der Politik als Kunstmensch und Naturverbundenen und passt das Tempo dieses Kostümfilms einer gleichsam manierlichen und unaufgeregten Haltung an. Der Adel ist hier von positiver Coleur und schon bald ist eine Bürgerin abseits blauen Blutes gefunden, an der er seine helfende Hand beweisen kann.

Die verwitwete und in ärmlichen Verhältnissen lebende Sabine De Barra (Kate Winslet) beherbergt nämlich potenzielle Kreativität und ein Gefühl für den Gartenanbau. Da kommt sie wie gerufen für den distanzierten, doch interessierten Architekten André (Matthias Schoenaerts), welcher mit seiner untreuen und zugleich dominanten Madame Le Nôtre (Helen McCrory) zu hadern hat. Jedenfalls gilt es im Auftrag des Sonnenkönigs, etwas Besonderes in dessen Hofgärten zu installieren. Und so entschließt man sich, zusammen eine Freilichtbühne zu konstruieren. Wenn da mal nicht die eifersüchtige Madame dazwischen funkt! Was in kurzer Beschreibung schon nicht von allzu großen Belangen zeugt, wird durch die Laufzeit des Films in eine noch bedenklichere Erschlaffung versetzt. Innerhalb des über zwei Stunden andauernden Prozederes kommt es Rickman jedoch nicht darauf an, den spärlichen Kitsch in intrigante Manie zu animieren oder gar besonders kritisch in die Mangel zu nehmen. Am ehesten versucht er, das Überwinden gesellschaftlicher und psychischer Widerstände an der Figur der Sabine zu stilisieren.

Jedoch hält er diese Umstände wie alle Verhältnisse im Film simplifiziert, doch gleichzeitig übermäßig erklärungsbedürftig. Rückblenden und Geister der Vergangenheit kündigen schon Geheimnisse und frühere Opfer an, wie auch der Score von Peter Gregson bereits von Anfang an auf das Pathos der Betroffenheit drückt. Schließlich sucht man die Versöhnung mit dem weiblichen Geschlecht, das sich gegen die Männerwelt behaupten will, aber letztendlich von dieser erst zum Gelingen und Glück unterstützt werden muss (Bechdel-Test, übernehmen sie!). Nett gemeint, aber in dem Fall auch zur geduldeten Profilierung des Adels gedacht. Ganz gleich, wie Ludwig XIV. in echt regierte: Rickman scheint hier eine Verharmlosung zu Gunsten der Monarchie zu betreiben. Alle geben sich volksnah und verständnisvoll gegenüber dem einfachen Bürger – erst recht, wenn man unter Frauen ist. Da zeigt man sich unabhängig der Herkunft gegenseitig die Brüste und alles ist ein glatter Spaß – ehe alle nochmals einen gemeinsamen Nenner in Erinnerungen verstorbener, geliebter Mitmenschen finden.

Wie nobel Sabine dabei von allen am Meisten heraus scheint, betonen die reichen Damen mit Tränen in den Augen. Es lässt sich nicht nur an jener Szene feststellen, wie naiv und gemütlich der Film sich mit der Ära verbrüdert, sie romantisiert. Eine stimmige Reflexion, auch zum Gegenwärtigen, mag man daher nicht heraus ziehen, da auch Sympathie und Ergriffenheit größtenteils mit stationärem Ernst im Spiel (Ausnahme: Stanley Tucci) und in der Gesamtgestaltung vermittelt werden. Dies ergibt ein Paradebeispiel abweisender Selbstherrlichkeit, wobei schon die einzelnen narrativen und emotionalen Elemente zu nichts Handfestem führen. Anfangs wird mit kleinem Pups ein leichtlebiger Humor in prunkvollen Beinahe-Stillleben versucht, in selbigen folgt danach die hauptsächlich dialoglastige und stilsichere Empathie. Zwischendurch pflegt man jedoch in nicht unwesentlichen Mengen die Entspannung in natürlichen Gefilden; Ruhe auf Wiesen, unter Birnen und Blumen.

Im Letzteren findet Rickman seine größte, weil unbeschwerte Stärke und entfaltet Sinnlichkeit und Atmosphäre im blühenden Grün und Sonnenschein. Eine erwünschte Belanglosigkeit, fern von dem unbeholfen dirigierten Handlungskonstrukt und dessen halbseidenen Drang nach persönlicher Erfüllung im Dienste aller. „Die Gärtnerin von Versailles“ stellt damit womöglich ein Gesamtkonzept perfektionierter Vanity auf, so beliebig diese, nach jener mäßig involvierenden Persönlichkeitssuche Sabines, in all dem aufgeblasenen Nichts ein Happy End findet. Die Musik schwillt an, das Wasser fließt, alle tanzen und die Sonne scheint: Es herrscht wieder Ordnung. Das ist derartig zuckersüß und bieder, dass man es für einen Scherz vonseiten Rickmans halten könnte. Doch damit sollte man sich nicht zufriedengeben, so zufrieden, wie der Film sich schon seiner selbst ist – und zudem bezaubernd langweilt. Wenn er doch bloß das „A Little Chaos“ seines Originaltitels einlösen würde. Stattdessen gibt er sich so gefällig wie sein deutsches Pendant – wiederum ein echt netter Hinweis vom Verleih, welch hübsche Entbehrlichkeit einen hier erwartet.

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „Die Gärtnerin von Versailles“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 14.09.2017

Mr. Long

In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.