„Zwei Schüsse“: einen in den Kopf, den anderen in den Bauch. Der siebzehnjährige Mariano (Rafael Ferderman) findet beim Reparieren des Rasenmähers eine Pistole, geht in sein Zimmer und feuert los. Die erwartete Beerdigung bleibt aus, stattdessen ist Mariano vollkommen unversehrt. Das einzige Übel ist die stecken gebliebene Kugel in seinem Körper, die ihm im Laufe des Films einige Male den Weg versperrt: Er darf nicht in einen Klub eintreten, weil er die Sicherheitskontrolle nicht übersteht, aber vor allem der entstehende Zweitton beim Flötespielen hindert ihn daran, an einem Barock-Quartett zu partizipieren. Martín Rejtman, der das Drehbuch selbst verfasste, versucht sich in einer zu empfindlichen Subtilität der argentinischen Ödnis anzunähern. Jedoch ohne Erfolg: Sein Drama ist die Langeweile per se.

Der beschriebene Einstieg des grundlosen Suizidversuchs ist der einzige Lichtpunkt in diesem Werk. Um jedoch die Sinnlosigkeit zu betonen, wird die Suche nach dem Grund erst gar nicht begonnen. Der Therapeut fragt als Einziger nach, die Antwort ist so belanglos, wie fast jede Szene in diesem Film: „Es war so heiß.“ Natürlich gibt es hin und wieder Menschen, die dieser absurden Lakonik etwas abgewinnen können – doch selbst Vergleiche mit Aki Kaurismäki schlagen fehl, da jener neben den Problemen der Figuren vor allem eine unausgesprochene, aber spannende Dynamik unter ihnen herstellt, die eine fast apathische Gesellschaft ergibt. Rejtman hingegen setzt Figuren in einen Raum, doch es passiert im Grunde nichts, außer die Emotionslosigkeit dieser aufzuzeigen. Marianos Bruder Ezequiel (Benjamín Coehlo) erzählt von dem Wunder, es hätte aber auch die Geschichte von einem umfallenden Sack Reis sein können, der die Zuhörer maximal desinteressiert zurücklässt. Sie streifen ziellos durch die Gegend, fahren an ein Strandhaus am Meer. Alles, was sie machen, bleibt in einer Inkonsequenz stecken, die allmählich zu nerven beginnt. Es gibt keinen Konflikt, weil keiner als solcher wahrgenommen wird. Die andauernd ringenden Telefone werden lieber in einem Backhandschuh versteckt, als dass sich darum gekümmert wird, dass sie funktionieren. So wird nicht nur kritisiert, dass in der argentinischen Gesellschaft Probleme verdrängt werden, sondern zudem ein allgemein fehlender Bezug zwischen den Familienmitgliedern hergestellt – vermeintlich interessant, tatsächlich jedoch eher eine Qual, diesem Nonsens Aufmerksamkeit zu widmen.

Positive Kritiken sprechen von einer gelungenen Darstellung der permanenten Emotionslosigkeit, die einer faszinierenden Ausdruckslosigkeit entspringen soll. Man hat jedoch nichts gewonnen, wenn man „Zwei Schüsse“ gesehen hat, die Harmlosigkeit zwischen den Zeilen und Gesichtern bereichert die Unwirksamkeit der zahlreichen Andeutungen nicht, sondern lässt die Frage stehen: Welchen Zweck hat diese Inszenierung? Auch das Ohrenkrebs erzeugende Barockquartett wird immer wieder eingebaut – spätestens nach dem dritten Mal hätte man sich über den Suizid gefreut. Eine weitere Konsequenz zeichnet dieses Machwerk aus: Es gibt keine Bewegung in der Kamera, das Geschehen spielt sich ausschließlich in statischen Bildern ab. Diese Statik erzeugt eine Distanz, die im Verhalten der Darsteller ebenso zu finden ist.

„Zwei Schüsse“ will vermutlich einiges, schafft aber nicht viel. Die Ideen, die im Film verarbeitet werden, sind durchaus interessant, aber die Umsetzung ist so schleppend, dass jene Ideen ihren Wert verlieren. Die Mutter (Susana Pampin) verändert sich als Einzige, doch ihre Veränderung ist so belanglos, dass sie sich im letzten Drittel in der Story widerspiegelt: Im selben Strandhaus übernachtet sie mit weiteren Gleichaltrigen, die teilweise nicht einmal ihre Bekannten sind. Eine Frau bekommt Bauchweh von Muscheln, beklagt sich über Flöhe, ansonsten passiert nichts Bemerkenswertes. Gegen Ende wird der verlorene Hund bei einem anderen Besitzer vermeintlich wiedergefunden und mit der Jungfrau Maria verglichen. Anstatt ihn zurückzuholen, fährt die Mutter nach Hause. Abbildungen, die weniger implizieren als Banalitäten. Es ist eine Mischung aus einer Inhaltslosig- sowie Grundlosigkeit, die konsequent bis zum Ende auslaugend wirkt. Versuche bleiben eben Versuche, tragen nicht zu einem Ergebnis bei, egal, wie subtil sie sein mögen. Das Thema Ausdruckslosigkeit im Film kann ausdruckslos erscheinen.

Meinungen

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