Wenn etwas nach Potenzial schreit, dann die Eckdaten von „American Ultra“. Der deutsche Untertitel „Die kiffenden Killermaschinen“ verrät schon genug Ulk, der aber durch Jesse Eisenberg und Kristen Stewart in den Hauptrollen noch verheißungsvolleres Kopfkino auslöst. Addiert man dazu Autor Max Landis („Chronicle“) sowie die potenziell wilde Regie von Nima Nourizadeh, dürfte sich jugendlicher Spaß ankündigen, der voller Witz und Anarchie, jenseits von Gut und Böse begeistern sollte. Wie so oft sieht die Realität aber nicht aus wie erhofft. Hauptsächlich steht der Film sich nämlich selbst im Weg, um sein Potenzial ausschöpfen zu können. Aber hey, das passt ja ganz zu Protagonist Mike (Eisenberg), einem provinziellen Stoner, der mit seiner gleich gesinnten Freundin Phoebe (Stewart) den Tag verlebt, in einem Minimarkt malocht, Mini-Comics zeichnet und überhaupt Mini-Ambitionen hat, die zudem dadurch aufgehalten werden, dass er Panikattacken bekommt, sobald er die Kleinstadt verlassen will.

Wenigstens die Liebe steht ihm zur Seite, mit der sich der Film anfangs nüchtern hält und nicht unbedingt den typischen Kiffergestus zeichnet, sondern mit der Sehnsucht zur Gemeinsamkeit abhängt. Eine feine und nicht allzu dick aufgetragene Ader, die sich durch den Film zieht und seine erlösende Romantik umso kecker auspacken darf. Das Hauptfleisch der Geschichte liegt nämlich in Mikes Vergangenheit als Regierungsexperiment, das geistig und kampftechnisch allen überlegen ist. Ehe diese wieder in ihm ausgelöst wird, muss sich der Zuschauer allerdings durch mehrere Abziehbilder von CIA und FBI kämpfen, die bereits erklären, was Mike alles könnte und Konsequenzen nach sich ziehen würde, warum er ausgeschaltet werden muss und dass es Spannungen zwischen Oberhaupt Adrian Yates (Topher Grace) und Projektleiterin Victoria Lasseter gibt. Alles Ballast, der für Überraschungsmomente in einem geradlinigen Flow nützlich sein könnte, wenn denn Landis nicht seinen ersten Drehbuchentwurf als fertige Fassung abgeliefert hätte. Doch bereits am Anfang verrät er, wie die Geschichte ausgeht und erzählt den Film somit per Rückblende.

Die Spannung bleibt dem Film daher schon von vornherein im Halse stecken. Überhaupt würgt er sich einen ab, herauszufinden, zu welchem Genre er jetzt als Erfüllung seiner selbst kommen will. Er versucht gleich alle auf einmal, doch es gelingt ihm meistens nur per Zufall, seine Euphorie auch auf den Zuschauer zu übertragen. Nun soll man ja nicht über Filme schimpfen, die mit Ecken und Kanten gegen den Konsens arbeiten; die in ihrer Vielfalt um Sehgewohnheiten kaspern und für sich selbst einstehen. „American Ultra“ hat in seinem kruden Mix aus Action, Identitätskrise, Identitätskomödie, Geheimdienstmachenschaften und Liebesdrama aber nur bedingt einen Plan davon, wie er sein Konzept umsetzen kann. So steckt er mitunter auch narrativ in der Ungewissheit fest, findet Ausflüchte in buntes Neon und spritziges Rot – doch es muss schon etwas heißen, wenn der prägnanteste rote Faden ein austauschbarer Soundtrack ist. Viel braucht man leider auch von Regisseur Nourizadeh nicht erwarten. Obwohl sein „Project X“ weit mehr Energie und Bock auf audiovisuelle Montage versprach, zeigt er hier brave Gefälligkeit, liefert ab und an ein Fest der Farben und Funken und geht insbesondere in den Actionszenen auf, kann aber jenseits davon nur wenig zusammenbringen, was das Drehbuch schon nur schwer zu fusionieren versteht.

Für charakterliche Sehnsucht ist das Gesamtpaket eben doch zu sehr auf Kult getrimmt, verlässt sich auf bloße Schimpfwörter und leidlich urige Nebenspieler, ohne aber seine genüsslichen Ideen auf die Spitze zu treiben. Man fühlt sich zu sehr von einer freiwilligen Einschränkung umgeben, über die der Film nicht hinauswachsen will – und das, obwohl er so viel auf einmal versucht. Man kann noch von Glück reden, dass Eisenberg und Stewart den Film im Alleingang souverän auf ihren Schultern tragen können und mehr als Menschen wirken denn als Karikaturen. Überhaupt: Was für toll gefärbte Haare und sympathische Kleidung die Beiden tragen – vom Äußeren will man den Film nur lieben. Doch so komisch es klingen mag: Gerade der Abspann mit seinem Zeichentrickwahnsinn erlaubt sich in brillanter Effektivität die Freiheit und kontinuierliche Steigerung an Überraschungen und Knalleffekten, die dem Film verwehrt blieben. Schade um das Potenzial. So bleiben „die kiffenden Killermaschinen“ zwar durchaus Unikate mit sehenswerten Momenten des Irrsinns, doch als Film nur ein zusammengerollter Joint, der noch angezündet werden muss.

Meinungen

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