Reicht es für eine Kritik zu einem Film aus, einfach zu sagen, dass es ihn gibt? „Bad Moms“ stellt im Grunde solch einen Fall dar, so berechenbar er sich durch seine äußerliche Form entschlüsselt und genauso schnell vergessen werden kann, da er dementsprechend harmlos Grandioses wie Furchtbares vermeidet. Jon Lucas und Scott Moore entwerfen als Autorenfilmerduo dazu eine Geschichte, in der das Spektrum charakterlichen Wandels zeitweise von Pegeln der Zufriedenheit abweicht, um letztendlich in genau dem spießigen Frieden zu landen, in dem man sich zuvor schon befand. Doch Obacht, dieses gewöhnliche Prozedere schickt sich zumindest noch an, die Querelen des modernen Mutterdaseins zu sympathisieren und Katharsis darin zu finden, jenen Erwartungen eine Tonne „Fuck You’s“ entgegen zu ballern. Die junge Mama Amy (Mila Kunis) hat exemplarisch viel um die Ohren im Vorstadtchaos: So kümmert sie sich um ihre zwei Kinder Dylan und Jane, regelt den Haushalt, ackert sich mit Einsatz durch einen ausbeuterischen Teilzeitjob und kriegt erst recht keine Auszeit vom Stress, wenn Gatte Mike (David Walton als Provider bester Honk-Witze) seinen Finger nur zum Online-Sex krumm macht. Allzu nachvollziehbare Situationen und Urheber für eine gute Portion Wahrhaftigkeiten, durch die der Film neben einer Vielzahl kruder und teilweise cartoonhafter Witze ans Herz für Mommy appellieren will und sogar erwartungsgemäß die Portionen formelhafter Sentimentalitäten abliefert, die den Genrekonsens erst richtig heuchlerisch erscheinen lassen.

Soll es anders sein – oder hat man als Zuschauer den Anspruch, dem Kalkulierbaren ausgeliefert nicht der Langeweile zu verfallen? Dies sind Fragen, die jeder für sich beantworten muss, genauso wie die Fragen, ob auf technische Distinktion Wert gelegt oder wie hoch die eigene Humortoleranz eingeschätzt wird, die hier mit dem Üblichen Vorlieb nehmen muss: karikaturenhafte Stereotypen für jedes Geschlecht, mehrmals hinfallende Frauen, abgedroschene Wortgefechte, genitaler Wortschatz, alkoholisierte Zeitlupenexzesse zum Sound der (nicht mehr) aktuellen Hits – alles drin und mindestens so zündend wie eine neue „Simpsons“-Folge. Ab und an werden sogar dieselben Witze oder gar ganze Szenen (das erste Trinkgelage unter Mädels) wenige Momente nach Erstaufführung nochmals versucht, falls es das erste Mal nicht so recht geklappt hat. Richtig an der Spitze des bewussten Blödelns darf sich hingegen nur Christina Applegate als Elternratsvorsitzende Gwendolyn geben, die mit ihrem radikalen Perfektionismus zur Rivalin von Amy avanciert und derartig gemein um Plattitüden kämpft, dass sie deutlich mehr Eindruck macht, als es Amys neuen Leidensgenossinnen, dem stillen Mäuschen Kiki (Kristen Bell) und der nymphomanen Carla (Kathryn Hahn), zu gelingen scheint. Deren Figuren sind laut jenen Beschreibungen hauptsächlich auf jeweils einen Witz reduziert, doch wenigstens einigen sie sich darauf, die Emanzipation vom Regelwerk des Alltags zu feiern und alle Pflichten zu vernachlässigen – zumindest im Rahmen einer Auszeit, schließlich will der Film das Konzept der Multitasking-Elternschaft ja nicht vollkommen dekonstruieren.

Zumindest einmal die Oberhand haben und in den Tag hinein leben: Man, wäre das nicht fein? Dann könnte man es allen so richtig zeigen, und die Kids würden endlich kapieren, dass sie nicht so verwöhnt bleiben dürfen! Ja, „Bad Moms“ operiert simpel – und das ist als komödiantisches Konstrukt nicht die schlechteste Entscheidung. Doch im Idealfall ließen sich darauf auch Einfälle erbauen, die nicht jedem x-beliebigen Schreiberling einfallen könnten. So jedoch tritt Amy alsbald gegen Gwendolyn an, um die neue Vorstandsvorsitzende des Elternrats zu werden, damit es Kindern und Müttern in Zukunft besser geht und sie ihre Rache dafür haben kann, dass Gwendolyn ihre Tochter aus dem Fußballteam geschmissen hat. Wie wird das wohl ausgehen? Und schnappt sich Amy letzten Endes vielleicht den heißen Witwer Harkness (Jay Hernandez), der als charmantes Sexobjekt ihre Flirtsensoren anwirft, während sie bei anderen Männern mit ihren Müttersorgen nur Unverständnis erntet? Wird er mit ihr ebenso ins Bett mit der berüchtigten L-Decke jeder beliebigen Rom-Com steigen? Rätsel über Rätsel … Aber letztendlich hält der Film in seinen versöhnlicheren Noten einige Überraschungen offen, die dem Leiden der Weiblichkeit einen Vorteil gegenüber einfältigeren Männerfantasien verschafft. Warum aber große Kunst bei solch einem Titel erwarten? Warum überhaupt noch hoffen, dass mehr als der Standard erfüllt wird? Es scheint alles manchmal vergebens im Jahre 2016, auch wenn’s Mutti am besten weiß – sogar, als der Film um ihre Belange herum von zwei Kerlen inszeniert und etlichen weiteren produziert wurde.

Meinungen

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