Bevor Sony 2017 einen (höchstwahrscheinlich) überflüssigen Kinofilm der Marke „Barbie“ in die Welt setzen wird, hat man sich hierzulande entschlossen, „Barbie – Eine Prinzessin im Rockstar Camp“ für zwei Tage als Event Content im Kino zu zeigen, ehe der Film kurz darauf auf DVD die Nachfolge zahlreicher Barbie-Dumping-Produkte antritt. Wer beim heimischen Sendersuchlauf zufälligerweise an Super RTL vorbeigekommen ist, hat sie bestimmt vernommen und binnen eines Augenblicks abgeschaltet: jene zweckmäßigen Produktionen, welche das plastische Musterbeispiel für Stereotypie und Kapitalismus mit mangelhaftem Budget und lustloser Animation durch oberflächliche Abenteuer voller Magie, Musik und Mode schleusen. Alle Faktoren sprechen dafür, Kleinkinder anzusprechen und diese zum Kauf zu verleiten, sprich die Storys bleiben immer handzahm, bunt, austauschbar und plakativ, auf dass sich keiner über sechs Jahren freiwillig derartige Filme anschauen wollen würde.

Dennoch will ich über oben angesprochenen Event Content von Karen J. Lloyd sprechen – einfach, weil ich ihn mir im masochistischen Selbsthass angeschaut habe und nun auf diesem Wege exorzieren will. Im Grunde erfüllt der Film alle Erwartungen, die bereits erwähnt und von der Reihe etabliert wurden – reizvoll wird er aber hauptsächlich durch den Fakt, dass man ihn sich im Kino anschauen kann. Und Junge, wie erbärmlich alles auf der großen Leinwand erscheint. Die Computeranimation wirkt, als hätte sie knapp „Toy Story“ (1995) eingeholt – zumindest, was die Qualität der Protagonisten und einige Nebenfiguren betrifft; in den Massenszenen lassen sich manch irre Bemühungen und gruselige Kinder finden, wie auch die physikalischen Bewegungsabläufe irreale Zustände nachzeichnen. Texturen erscheinen platt und einfallslos, was natürlich auch zum Film an sich passt.

All das kann gegebenenfalls über die ersten dreißig Minuten ironisch unterhalten. Doch auf Spielfilmlänge braucht es dazu noch etwas Besonderes. So gibt es also für schadenfreudige Zuschauer eine mit reichlich Klischees gefüllte Story um zwei konkurrierende Camps – eines ist das Titel gebende Rock-Camp, das andere ein königliches Camp. Deren jeweilige Besitzer schließen eine Wette ab, bei welcher der Verlierer sein Camp schließen muss. Wie der Zufall aber so will, vertauschen Prinzessin Courtney und „Rock“-Sängerin Erika aus Versehen ihre Plätze und so kommen die beiden in Kontakt mit ihnen unbekannten Cliquen, in die sich trotzdem einzufinden versuchen. Man glaubt es kaum: Sie lernen jeweils gute Freunde und Rivalinnen kennen und schaffen es per Teamwork Spaß zu haben.

Und da soll einer sagen: „Rock ist unvereinbar mit Königliches!“ So proklamiert es jedenfalls die königliche Campleiterin, in genau jenem Wortlaut. Nicht, dass der Honk vom anderen Camp (soweit es die Erinnerung zulässt, trägt dieser den Namen Chad Rockford) besser wäre – aber zumindest faselt dieser bei dumpfestem Pop von hart geilem Rock. Ohnehin besitzt der Film zumindest eine gewisse Stärke in seinem Soundtrack. Alles daran ist harmloser Halbschrott, in einigermaßen wohligen Akkorden und unfassbar stupiden Lyrics verpackt. „Schreibe dein eigenes Lied, mit tollen Rhythmen und einer Melodie“ – so ungefähr lautet manch Refrain und spiegelt die einfallslose Botschaft des Films wider. Unterhaltsam wird es dann mit Hang zum A-capella à la „Pitch Perfect“ sowie unbedarften und gleichsam uninteressanten Choreografien.

Ansonsten besitzt der Film neben diesen oberflächlichen Eindrücken keinen Anlass zur Reflexion oder zur Erforschung eines doppelten Bodens. Ein Argument kann vielleicht für die omnipräsente Künstlichkeit des Ganzen gemacht werden, die beinahe bewusst den hohlen Charakter des Films selbstkritisch offenbart und uns somit rhetorisch belehrt. Dann wäre man aber auch sehr gnädig in der Annahme, dass sich im Wust der „Barbie“-Filme wirklich um irgendetwas besonders Gedanken gemacht wurde, so sehr hier Malen nach Zahlen betrieben wird und zudem die faulsten Gags jenseits der Samstagvormittagsunterhaltung aufgetürmt werden. Wenn man zudem das Frauenbild der Marke „Barbie“ einkalkuliert, kann man sich schnell ausrechnen, welch entbehrliches Filmprodukt sich hier anbietet, das weder für groß noch klein sonderlich tauglich ist.

Meinungen

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