Man sollte meinen, ein Hattrick an unterhaltsamen Kinderfilmen wäre nur bedingt etwas, dass sich einer breiteren Zuschauerschaft jenseits der Zielgruppe empfehlen ließe. Detlev Buck hingegen beweist, dass diese Wunschvorstellung längst Realität geworden ist und liefert mit „Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs“ seinen nunmehr dritten Rundumschlag unbedarfter Absurditäten im sonnenfrohen Teen-Gewand. Grell wie eh und je geht es per Besenstiel erneut nach Falkenstein, denn gute Freundinnen wie Bibi (Lina Larissa Strahl) und Tina (Lisa-Marie Koroll) halten in den Sommerferien auch beim Rugby zusammen. Da preschen Jungs gegeneinander, aber Bibi mag nicht nur Cheerleaderin sein, sondern am besten gleich mit gewinnen; auch ohne Hexenkräfte. Weil das Ego der Männerzunft, insbesondere jenes von Urs (Philipp Laude), nur bedingt damit umgehen kann, von einem Mädchen in die Schranken verwiesen zu werden, wird der Battle zwischen den Parteien initiiert. Tinas Beziehung zu Alex wird dabei erneut in Mitleidenschaft gezogen, stellt er sich doch unbeholfen auf die Seite der Jungs, um ausnahmsweise die Hosen anzuhaben.

Das Kinojahr 2016 wird somit nicht nur eines voller Duelle unter Superhelden, sondern auch die Kleinen hauen auf den Putz, sobald im Ferienlager Falkencamp ein Wettbewerb ausgetragen wird. Obwohl mehrere Dreiergruppen, die Rotte, Hotten Hüs oder eben Die drei Muskeltiere antreten: Das Motto „Jungs gegen Mädchen! Nein, Mädchen gegen Jungs!“ läutet untereinander die Kraftprobe der Geschlechter ein. Der Start braucht anfangs zwar eine gewisse Zeit, um sich als Konkurrenzfilm zu etablieren, der sich in jener Konzentration deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. Wo vormals klare Antagonisten und böse Machenschaften ein Ziel bei Bauernhof, Schloss und Pferdestall hergaben, ist die mannigfaltige Ferienherausforderung voll Geocaching-Schnipseljagden gut beschäftigt, ehemalige und neue Charaktere ins Vergnügen hinein zu etablieren. Und ja, Graf Falko von Falkenstein (Michael Maertens) und Sonnyboy Holger (Fabian Buch) sind ebenso wieder mit von der Partie.

Regisseur und Koautor Buck kann dabei auf ein Ensemble zurückgreifen, das sich von Jung bis Alt auf hinreißende Blödeleien einlässt, wobei diese nie anbiedernd erscheinen: von Slapstick über spitzzüngige Wortverdreher bis hin zu aberwitzigen Quietschgrimassen und Popkulturreferenzen. Selbst die süßen Tiere des Waldes geben entsprechende Reaction shots auf Streiche, Sticheleien und natürlich dufte Hexensprüche. Das alles unter einen Hut zu kriegen, klingt schwieriger als es Buck letztendlich gelingt. Die großen Stärken des Spaßes lauern nämlich wie bereits zuvor in Teil eins und zwei bei den impulsiv eingestreuten Song-Einlagen, die sowohl mehrere Sänger als auch Stile beanspruchen. Das Titelthema rockt elektronisch, später gibt es Schnulzen, Psychedelisches, knackige Beats, Trauriges und Fröhliches. Besonders zum zweiten Akt wird das Tempo besonders angezogen und erfrischt, während der Konflikt im Kräftemessen allmählich eskaliert – nicht nur durch Urs’ provozierte Gemeinheiten und Expertenmeinungen, sondern auch durch die zackig choreografierten Rap Battles.

Die Charakterzeichnung der Kontrahenten ist keine allzu komplizierte, wohl aber eine, welche die einzelnen Belange nicht zynisch veralbern muss, in der Überstilisierung angemessen bleibt und vor allem der weiblichen Seite Respekt zollt, ohne die Boys als blanke Idioten dastehen zu lassen. Dafür balanciert der Film gängige Gruppeneigenschaften gut mit individuellen Sehnsüchten des Heranwachsens. Ganz besonders und gleichsam bezeichnend für vieles steht Bibi im Fokus, die sich stets durchsetzen will, auch mal den Bogen überspannt und im Folgenden mit dem Verlust des Kindlichen sowie Betrug und Einsamkeit umzugehen hat. Der dritte Akt bietet sodann eine innerhalb der Reihe ungesehene, emotionale Dramaturgie, die nicht nur Lina Larissa Strahls Weiterentwicklung als Darstellerin illustrieren kann, sondern gleichzeitig Gemeinschaftsgefühl verinnerlicht. Die Hexe in Reiterhosen und ihre Freunde gehen ein verhältnismäßig aufrichtiges Coming of Age an, erst recht, wenn die Pubertät ruft, obwohl Küsse noch immer etwas eklig sind. Erwachsen werden muss man hier noch lange nicht, denn die Erwachsenen sind durchaus auch ziemlich lächerlich.

Den Fun am Jugendlichen muss man eben nicht ablegen und umso schöner kommt die Überraschung, wenn sich entscheidende Lösungen filmisch unerforschten Möglichkeiten hingeben und mit einer Absurdität auftrumpfen, die selbst erfahrene Kinogänger aus den Sesseln hüpfen lässt. Manche, wenn nicht sogar viele Bilder, Symbole, Charaktere, Sprüche, Effekte und Einzelmomente wird man lange Zeit nicht vergessen und ins Herz schließen. Das kunterbunte Spiel zieht jedoch nicht nur frech und derb durch, wie es auch seine Dialoge im toughen Diss mit konkreten Aussprachen zum gegenseitigen Verständnis abgleicht. Das hat Temperament, Pep und Herzblut, trägt aber auch stolz Honkfaktor zehn auf. Zudem macht der Film auf leichtem Fuße deutlich, dass keine Verkupplung wie selbstverständlich zu funktionieren hat. Das bringt jedenfalls – gleich welchen Alters – erneut mehr Gelächter hervor, als aktuellen deutschen Komödien im angeblichen Erwachsenenspektrum beim Abmühen zuzuschauen. Nehmt euch Ferien, dann hat es die Zauberkraft in sich!

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