Deutsches Kino? Ist vielen Cineasten ein Dorn im Auge. Dabei ist es um den deutschsprachigen Film nicht schlecht bestellt: „Zeit der Kannibalen“ zeigte, wie bissig und clever deutsches Kino sein kann; „Die Frau des Polizisten“ gewann 2013 den Spezialpreis der Jury bei den prestigeträchtigen Filmfestspielen von Venedig – und auch David Wnendts frecher „Feuchtgebiete“ sorgte international für Aufsehen. Das Motto für diese Kritik ist daher fraglos: Deutschland kann. Und genau das muss sich auch Özgür Yildirim gedacht haben, als er „Boy 7“, der auf dem gleichnamigen Roman von Mirjam Mous basiert, geyolot hat. Dieser Film ist nämlich totaler Unsinn. Und auch wenn das zuerst negativ klingt: Es darf in diesem Fall sogar positiv verstanden werden. Verrückt? Verrückt!

Yildirims dritter Spielfilm spielt die meiste Zeit in einer Einrichtung, die straftätig gewordene Jugendliche resozialisieren soll. Die Teenager kleiden sich gleich, werden Tests unterzogen, üben Gruppenaktivitäten aus. Isaak, einer der Leiter der Einrichtung, möchte die Halbwüchsigen allerdings nicht resozialisieren, sondern mithilfe eines Computerchips, der in die Köpfe der Kids eingebaut wird, zu willenlosen Kriminellen machen. Diejenigen, die davon Wind bekommen, werden beseitigt. Zunächst jedoch wacht in „Boy 7“ aber ein Junge (David Kroos) in einer U-Bahn-Station auf. Er kann sich an nichts erinnern und stellt schnell fest, dass er polizeilich gesucht wird. Was ist geschehen? Als der Junge die schöne Lara (Emilia Schüle) trifft und sein altes Notizbuch findet, beginnt Yildirim fortan, seine Geschichte in Rückblenden zu erzählen. Und diese Geschichte, das sei versprochen, hat einen sensationellen Unterhaltungswert. Dabei ist es sogar egal, ob man den Film letztendlich gut oder schlecht findet, da er mit naivem Charme eine große und fantastische Story entwirft und auf beinahe jeder Ebene scheitert.

Das Schöne dabei ist, dass das Drehbuch beliebig viele Haken schlägt und dadurch Fragen aufkommen, die nicht einmal ansatzweise beantwortet werden. Es ist bei Genrefilmen zwar immer leicht, sich über Logiklöcher oder Fehler zu amüsieren – doch „Boy 7“ bietet so sensationell viele, dass man nach dem Kinobesuch nicht mehr in der Lage ist, alle aufzuzählen. Selten wurde bescheuerter gehackt, das Spiel Schach derart desaströs eingebaut. Es wirkt beinahe so, als ob der Crew vollkommen egal war, was ihre Charaktere im Film treiben – Hauptsache, Kroos und Schüle hampeln ein wenig vor der Kamera rum. Dass zudem eine völlig platte, uninteressante und unnötige Liebesgeschichte hinzugefügt wurde, muss an dieser Stelle nicht extra erwähnt werden. So ist „Boy 7“ eine bizarre und alberne Wundertüte von Film. Lachen und gleichzeitiges Kopfschütteln sind vorprogrammiert. Auch das kann deutsches Kino. Respekt!

Meinungen

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