Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „Carlos“.

In den Western von gestern tummeln sich Helden und Bösewichte nahe moralischer Ambiguität, doch stets mit einer Sehnsucht, die mitreißen will, damit das Panorama der Steppe aufzieht und heißen Sand voll Blei pumpt. Das ist Trivialkino im besten Sinne – aber gerne auch Grundlage für mehr. Hans W. Geißendörfer gebraucht das Genre so in „Carlos“ einerseits für eine freie Adaption von Friedrich Schillers „Don Karlos“, andererseits zieht er die gesamte Romantisierung der Filmwelt zurück und schafft ein Abbild des Leidens, an dem Gute wie Böse untergehen. Wo ehemals das Cinemascope den Blick zum Horizont freigab, zwängt Robby Müllers Kamera ins 4:3-Format ein. Müller folgt damit erneut der Devise Geißendörfers zur Isolation, erwirkt aber auch genau jene Konzentration, welche die Handlung verlangt. Hier hat man es nämlich mit einem Kammerstück innerhalb karger Mauern zu tun; selbst im Freien außerhalb des kleinen Dorfes liegt mehr Stein als Sand. Die Plansequenzen rotieren in der Tristesse und geben der Verzweiflung keinen Ausweg, so sehr die Schergen von Großgrundbesitzer Philipp (Bernhard Wicki) ringsum in schwarzer Kluft stehen und den Terror spürbar in die Luft verbreiten.

Gerade Philipps Sohn, Carlos (Gottfried John), hat etwas gegen jene Verhältnisse – doch für die Rolle eines energischen Helden ist er wie zuvor „Jonathan nicht geschaffen. Schließlich ist er eher aus Liebe zu seiner Stiefmutter Clara (Anna Karina) widerspenstig, welche ebenso gefangengehalten wird wie das gesamte Dorf und die Arbeiter im nahe gelegenen Steinbruch. Eine der Arbeiterinnen, Lisa (Geraldine Chaplin), verliebt sich in Carlos, doch ihr Wunsch wird genauso wenig erwidert, wie die Unterdrückung aller anderen Charaktere endet. Stattdessen bleiben Carlos und sein Mitstreiter Pedro (Thomas Hunter) trotz aktivistischer Absichten fern vom Abzug, setzen Hoffnung in den kaum noch duldsamen Hintergrund und bemühen sich um Diplomatie, wohingegen Vater Philipp skrupellos seinen besten Schläger Ligo (Horst Frank) aufs eigen Fleisch und Blut einhauen lässt. Die Ausgangslage klingt nach handfester Kalkulation, doch wo der italienische Vertreter jener Zeit zu zynischen Gewaltszenen oder heroischen Posen greifen würde, zeigt Geißendörfer Verletzungen und Demütigungen, an denen kein Pathos und auch kein malerischer Soundtrack erklingt.

Erst im Nachhinein erklingt eine Wehmut des Versagens durch Ernst Brandners Kompositionen, die vor den Dreharbeiten angefertigt und per Lautsprecher zur Szenerie beigegeben wurden; mit ihr also fusionieren. Die eindeutigste Choreografie dazu ergibt sich im Wirken von Lisa und ihrer für diesen Film beinahe zentralen Tragödie. Wie sie wortlos in der Dunkelheit zurückbleibt, nachdem Carlos ihr von den Plänen zur Rettung Claras erzählt und somit ihre Hoffnungen zerstört hat; wie sie daraufhin Verrat an ihm übt und im befremdlich gedämpften Saloon die Scherben ihres Drinks mit der Hand aufsammelt: Nicht nur hier schaut Geißendörfer über die Oberfläche des Genres in seine Charaktere hinein und vermittelt Gefühle, wie es viele Künstler unserer Tage in dieser Selbstverständlichkeit scheinbar verlernt haben. Somit ist auch im weiteren Verlauf kein Umschwung ins Spektakel oder gar eine Katharsis zu erwarten, selbst wenn Eskalationen von Blei und Dynamit passieren – denn schließlich folgt auf letztgenannte der Tod.

Die Unvermeidlichkeit dessen schwebt ohnehin über dem Ensemble an Peinigern und Gepeinigten, die innerhalb ihrer emotionalen Schwächen auch vollends zur Zerstörung der eigenen Familie getrieben werden. Insbesondere der Impuls zur Männlichkeit und Macht zerstreut hier das Leben und nimmt dafür ein blutiges Ende in Kauf, während die Frauen dieses Films vor rationaler Fassungslosigkeit den Abstand aus der Enge suchen. So trifft man in diesem Anti-Western auf reichlich ermattete Recken, die von der Glanzlosigkeit ihrer Zeit wissen und sich niederschießen lassen, sobald alle rudimentären Verhandlungen ihre Funktion erschöpft haben und sich im Kugelhagel aufgeben. Schließlich ist das Leben hier schon wie in einer Kugel eingekapselt, beinahe lethargisch und mit tragischer Konsequenz zur versiegten Hoffnung ablaufend. Für Freunde des Eskapismus vielleicht ein nüchterner Weckruf, ist der Film in seiner empathischen Betrachtung letztendlich durchweg von hohem Wert.

Meinungen

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