Mike Tyson geht auf drei elfjährige Kinder zu und haut ihnen eine rein, verdrischt sie nach Strich und Faden. Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass es sich bei Mike Tyson nicht um den Boxer handelt, der gerne an Ohren knabbert, sondern um einen sechzehnjährigen Jungen. Mike hat eben erfahren, dass er einen Tumor hat und bald sterben wird. Er freut sich darüber, behandeln lassen möchte er sich nicht. So wollte er sich bereits vor einigen Tagen selbst das Leben nehmen. Mit einem Gewehr, das leider nur mit Platzpatronen gefüllt war. Warum er das wollte? Dies erklärt Florian Cossen in „Coconut Hero“ bis zum Ende nicht. Mike hat einfach kein Bock. Gut, Mikes Vater ist abgehauen und seitdem umsorgt ihn seine Mutter vielleicht ein wenig zu sehr. Und über Mikes Namen machen sich die Kinder auch lustig. Das ist aber noch längst kein Grund, um Mike zu Beginn des Films drei Kinder verprügeln zu lassen. Immerhin soll er Sympathieträger sein. Aber das ist nicht die einzige Sache, die „Coconut Hero“ skrupellos falsch macht.

Dabei hat Florian Cossen vor fünf Jahren mit „Das Lied in mir“ bereits ein sehenswertes, aber nicht großartiges Spielfilmdebüt gegeben. Und genau wie „Das Lied in mir“ spielt seine neue Coming-of-Age-Geschichte nicht in Deutschland. Stattdessen ist „Coconut Hero“ in einem kanadischen Kaff angesiedelt, das dem Protagonisten ordentlich auf den Sack geht. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob das ein Grund ist, sich umbringen zu wollen. Völlig egal. Mike wollte es eben machen. Um ihn wieder auf den richtigen Pfad zu bringen, stecken ihn Mutter und Ärzte in ein lebensbejahendes Programm. Hier lernt er die junge und schöne Miranda kennen. Mike, wer hätte das geahnt, verliebt sich in Miranda. Und vielleicht gibt ihm diese Liebe ja seinen Lebenswillen wieder zurück.

Auf diese Weise versucht die deutsche Produktion auf amerikanischen Independent zu machen und denkt, dass sie vollkommen anders ist. Dabei handelt es sich bei „Coconut Hero“ um einen absolut konventionellen, nach Schema heruntergespulten Quatsch, der sich so gut wie überhaupt nicht mit der Frage beschäftigt, ob man den Charakteren ihr Handeln abnehmen kann. Es gibt im letzten Drittel, als sich Mike und Miranda näher kommen, in der Tat den ein oder anderen gelungenen Moment. Aber auf dem Weg dorthin hat der Film seine Zuschauer längst verloren. Am Schlimmsten aber ist, dass Mike ein sympathischer Charakter sein soll, doch in Wahrheit ein widerlicher, langweiliger und elendiger Jammerlappen ist. Und man darf hoffen, dass sich der echte Mike Tyson vielleicht irgendwann an seinem Ohr vergeht.

Meinungen

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