Wenn man nicht weiß, wie das deutsche Genrekino zu retten ist, kann man sich zumindest mit dessen Versuchen amüsieren. Ganz besonders, wenn sich alles ernst nimmt, über mehrere Förderungsanstalten finanziert wurde, Risiken jenseits der Gefälligkeit vermeidet, das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhält und doch vollkommen neben der Spur landet. Genau dann kommen Werke wie „Die dunkle Seite des Mondes“ heraus – eine Romanverfilmung nach Martin Suter, die einen Mystery-Reißer aus der Einnahme von halluzinogenen Pilzen bildet und ausgerechnet Moritz Bleibtreu in den Wahnsinn treibt. Regisseur Stephan Rick besitzt dabei ein sauberes Händchen für technischen Konsens und geht teilweise sogar darüber hinaus, um künstliche Aufregung zum Kurzweil einzusetzen. Wenn es aber um Schauspielführung und Glaubwürdigkeit geht, bringt diese Leistung reichlich unfreiwilligen Humor hervor. Allein die Frankfurter Schickeria, in der sein Protagonist Urs Blank (Bleibtreu) als Anwalt zur Fusion dubioser Pharmakonzerne unterwegs ist, macht sich mit Sätzen wie „Vor jemanden so Selbstmord zu begehen, halte ich für eine Frechheit.“ gezielt zum Affen. Ricks Film übt sich in solchen Plakativitäten, damit jener damit beabsichtigte Kontrast zum Ensemble regelrecht zu existieren aufhört.

Der unbescholtene Rechtsverdreher Blank findet nämlich zu sich selbst, nachdem er die frische Luft des Waldes einatmet und entgegen seinem kalten Stadtleben mit Ökodame Lucille (Nora von Waldstätten) eine Affäre anfängt – bis er eines Tages jene erwähnten Pilze einer Pseudo-Hippie-Kommune einnimmt. Ihm erscheinen Visionen und Spezialeffekte des Bösen, die auch nach dem Trip in der Aggression hängen bleiben. Verzweifelt will er herausfinden, was in ihm freigesetzt wurde, während der mysteriöse Pharmaboss Pius Ott (Jürgen Prochnow) Druck auf ihn ausübt. Dies geht sowohl mit eindeutigen Phrasen als auch sinisteren Grimassen einher, sodass auch die musikalische Gestaltung gerne überakzentuiert, um jedes genuine Gefühl zu eliminieren und stattdessen Story-Knalleffekte am laufenden Band zu fabrizieren. Ob Suters Vorlage derartiges Groschenromanniveau bedient, sei dahin gestellt – jedenfalls ergibt sich hier ein wildes Weltbild, von dem nicht behauptet werden kann, dass seine Schritte voraussehbar wären.

So hangelt sich der Film von einem unbeholfenen Overstatement zum anderen, lässt seinen Hauptdarsteller bipolar keifen, prügeln und dramatische Entwicklungen erleben, die stets düster brummen, ihn wieder zur Natur finden und sich von verständnisvollen Wolfsaugen helfen lassen. Die schwachbrüstig-esoterische Gesellschaftskritik, die sich ausgerechnet das Finanzkapitol Deutschlands für die Auswüchse des Tieres im Menschen ausgewählt hat, tut ihr Übriges. Unter anderer Führung hätte sich unter Umständen eine Reflexion zu Verantwortung und Identität des Einzelnen im Rad der Moderne entwickeln können – oder gar eine waschechte Satire. Beide Möglichkeiten kann Rick nur im Ansatz erfüllen, auch weil er das Abstruse seiner Prämisse nicht wahrzunehmen scheint und seine Charaktere stattdessen im vollen Ernst Handlungen vollführen lässt, die selbst per Drehbuchsprache wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Langweilig wird „Die dunkle Seite des Mondes“ gewiss nie, nur muss man den Film aus einer versöhnlicheren Perspektive sehen, um den „sinnlichen Genuss“ am Hanebüchenen zu erfahren.

Meinungen

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