Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „Die gläserne Zelle“.

In den Filmen von Hans W. Geißendörfer hat die Familie stets hohen, wenn nicht höchsten dramaturgischen Wert. Ob nun Glück und Spannungen auftauchen; Angehörige austreten oder zurückkehren: Jener Nukleus der Gesellschaft kommt auf den Zuschauer zu, da er ihn betrifft. Deshalb ist „Die gläserne Zelle“, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Patricia Highsmith, nicht zu hundert Prozent werkgetreu und trotz seiner Verlagerung ins Krimisujet kein reiner Genrefilm. Geißendörfer bleibt seinen Motiven treu und beginnt wie in „Perahim“ und der ersten „Lobster“-Episode mit einem Heimkehrer, der nach seiner Haft in den Alltag reintegriert werden muss. Ein Trauma, das im Nachkriegsdeutschland gang und gäbe war und von einer Generation an Filmemachern aufgearbeitet wurde, die sich mit den Folgen der 68er konfrontiert sahen und eine neue Art Polizeistaat erlebten. Die gläserne Zelle ist überall, hängt Fahndungsplakate von Mitgliedern der RAF in unscheinbarste Einstellungen und beobachtet unentwegt das Innenleben Deutschlands. Geißendörfers Inszenierung verdeutlicht dieses Gefühl in nüchternen Perspektiven, die durch Robby Müller gleichsam nah, machtlos und doch geißelnd an die Charaktere herantreten. Ebenso konzentriert er sich erneut auf einen Lebensraum, in den der jüngst entlassene Philip Braun (Helmut Griem) zurückkehrt. Als Architekt für den Unternehmer Robert Lasky musste er die Schuld an dessen Veruntreuung an Geldern auf sich nehmen, woraufhin er nun versucht, in sein altes Leben wiederzufinden.

Allerdings ist seine Präsenz kein erfüllender Moment. Sie wirkt sogar, als wäre er transparent oder ein Geist; ein Anhängsel, das als Mitglied behandelt werden muss und doch nicht mehr dazugehört. Grund hierfür ist sein Anwalt David Reinalt (Dieter Laser), der die Ambition Gregers’ in Geißendörfers Vorgänger „Die Wildente“ reflektiert und die Familie in der Zeit von Philips Abwesenheit unterstützt hat. So überflüssig, wie Philip sich fühlt – auch, weil er keine Arbeit findet –, so eifersüchtig spekuliert er über das Verhältnis seiner Frau zu David. Ehe sich die Vermutungen entladen können, tätigt er Spaziergänge durch die Frankfurter Innenstadt; doch diese entsprechen in ihrer präwinterlichen Trostlosigkeit eher dem Hofgang im Knast. So rückt ihm Lasky erneut auf die Pelle, da dieser mit neuen Beweisen untersucht wird und Philip nun auf seine Seite ziehen will, indem er eine Affäre zwischen Lisa und David untermauert. Schließlich bricht Philip also aus seiner Transparenz aus und stellt Lisa zur Rede, woraufhin sie den Betrug zugibt und die Verhältnisse umso gestörter werden. Nicht nur unter dem Druck von Komponist Niels Walens langsamen Beats und dröhnenden Bassorgeltönen wird Philip allmählich zur Verzweiflungstat getrieben und überträgt die Mentalität des Betrugs am Ehepartner auf sich selbst, um seine Familie zurückzuerlangen. Die Schuld wird er aber genauso wenig los, wie es Lisa vor ihm erging.

Die Lösung dazu ist aber keine der Verantwortung, sondern innerhalb der destruktiven Umstände erneut eine destruktive Tat; zugleich aber eben auch eine, die im Einverständnis der Privatzone Familie stattfindet. Ein gemeinsamer Betrug also, der so gerecht wie befremdlich funktioniert. So gelingt Geißendörfer in seiner Beobachtung dieses Komplexes ein Film, der Barmherzigkeit und Unbarmherzigkeit in Personalunion übt. Gebrochene spielen sich gegenseitig aus; wer kann auch über den Gebrochenen in seiner Verzweiflung urteilen, wo er nur dazugehören will? Zu dieser abgeschotteten Idee von Familie, von der er wiederum abgeschottet war und die Schwierigkeiten hat, sich wieder mit ihm zu vereinigen? Dieses Problem ist in seiner Grundform so deutsch, dass es bis über die Wende hinaus anhielt und heute noch in den Köpfen herumspukt. Ideale können nicht mehr aufrechterhalten werden, und wie deren Ziele dann zur Erfüllung kommen, ist eine Sache für sich. „Die gläserne Zelle“ sucht dafür unter Häuserschluchten, findet für die ehemals Unschuldigen Entlastung und Vergebung im Mord, ohne aber die Katharsis zu bieten, die den Zuschauer sicher entlässt – auch weil die Protagonisten als Verletzte und Lügner das Feld räumen dürfen. Ein perfider und doch empathischer Film, der seinerzeit nicht umsonst den Deutschen Filmpreis gewann sowie eine Oscar-Nominierung für den Besten fremdsprachigen Film einheimste.

Meinungen

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