Im Rahmen der Berlinale 2016 sprach Kilian Kleinbauer mit Thomas Vinterberg über seinen Film „Die Kommune“, der in der Sektion Wettbewerb lief und den Preis für die Beste Darstellerin erhielt. Das Interview ist hier nachzulesen.

Die bittere Wahrheit tut weh. Sowohl sie auszusprechen, als auch sie zu ertragen. Doch was ist die Wahrheit? Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ handelt von der Dynamik menschlicher Beziehungen innerhalb einer altersdurchmischten Wohngemeinschaft, auch im Vergleich zur gegensätzlichen Form des familiären Zusammenlebens von Frau, Mann und Kind. Erik (Ulrich Thomsen) erbt das große Haus seines Vaters, der erinnerungsschwere Ort, an dem er seine Kindheit verbracht hat. Seine Frau Anna (Trine Dyrholm) will Veränderung und schlägt vor, das Haus nicht zu verkaufen, sondern darin zu wohnen. Ihr neugieriger Wunsch nach Bewegung und Aufschwung erfüllt sich in der plötzlich realen Vorstellung, nicht nur den Haushalt, sondern auch das Familienleben mit anderen Menschen zu teilen, um die hohen Wohnkosten zu decken. Freunde und Unbekannte werden demokratisch auserwählt, in der Kommune leben zu dürfen.

Die Charaktere Thomas Vinterbergs und Tobias Lindholms sind solide gezeichnet, doch nicht jeder Mitbewohner spielt eine entscheidende Rolle für die Story des Films. Durch Annas Idee wird ein Rad in Bewegung gesetzt, das ihre gewünschte Veränderung auslöst – Erik distanziert sich zunächst eifersüchtig von ihr, weil er ihr Interesse für andere Männer bemerkt. Doch hinter der beeindruckenden Reife der erfolgreichen Nachrichtenmoderatorin steckt ein essenzielles Bedürfnis nach Eriks Halt gebender Zuneigung. Für eine Weile genießt sie diese Spannung, ihre Anmut schwindet aber mit dem Erscheinen einer deutlich jüngeren Konkurrentin, Emma (Helene Reingaard Neumann), die Erik zu lieben beginnt. Sie studiert in seinem Architekturkurs und kitzelt neuen Lebenswillen aus ihm heraus. Geradezu grotesk und naiv verläuft die märchenhafte Trennung des gebrochenen Paars: Aus der prekären Situation, in der Tochter Freja ihren Vater post flagranti erwischt, entsteht Eriks lobenswerter Beschluss: Er will offen und ehrlich zu seiner Lebensgefährtin sein, und zwar in einer Direktheit, dass ein Schmunzeln auf den Lippen hängen bleibt. Dieser unangenehme Moment zwischen Beiden, der wohl in fast jedem anderen Film zur Eskalation geführt hätte, erreicht einen neuen Höhepunkt durch die ebenso trockene Antwort von Anna. Vinterbergs direkte Art kennt man aus „Das Fest“ und ist sicherlich eine seiner größten Stärken.

Der zunächst als Theaterstück inszenierte Film lebt von der Darstellung eines in den Siebzigern gängigen Lebensstils – Menschen helfen sich gegenseitig, diskutieren, lesen sich die Zeitung vor oder feiern Geburtstage im Wald. Eigene Erfahrungen von Vinterberg spielen eine große Rolle in der Geschichte, er selbst erklärt, dass diese nicht auf konkreten Ereignissen basiert, sondern auf Gefühlen, die er als aufwachsender Junge erlebte. Eine angenehme Mischung aus banalen und wichtigen Dingen gibt dieses Lebensgefühl einer Kommune in realistischer Weise wieder. Allgemein liegt dem Dänen viel an einer authentischen Inszenierung, die ihm allerdings nicht immer gelingt. Dadurch, dass eine Handvoll Charaktere immer weiter in den Vordergrund gestellt werden, verliert das Ensemble ihre Atmosphäre. In „Shining“ von Stanley Kubrick wird man von einem atmenden Hotel verschlungen, das die Figuren zur Manie zwingt – hier hat der Raum keine größere Bedeutung und wird nicht ausreichend mit Gefühl und anziehender Atmosphäre befüllt. Gleichzeitig korreliert diese nüchterne Konstellation mit der typisch gefühlskalten Manier der Dänen, die in einem trockenen Humor enden kann. Da Vinterberg jedoch vor allem das Lebensgefühl und die Auswirkung der kommunalen Lebensform auf ein klassisches Vater-Mutter-Kind-Dreieck beleuchten wollte, wäre eine dichtere Inszenierung wünschenswert gewesen.

So baut Vinterberg auf ein konventionelles Drama, das repräsentativ für das Leben steht. Die gemeinsam erlebten Erfahrungen bewegen die Figuren zwar stark, der Zuschauer bleibt dabei aber eher Zuschauer als empathischer Mitfühler – die Spannung verliert mit der Zeit ihre Intensität.

Meinungen

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