Irgendwas ist schiefgelaufen, das Experiment gescheitert. So ergeht es Reed Richards (Miles Teller) in seinen Bestrebungen, interdimensionale Teleportation zu ermöglichen. Und selbst, als diese gelingt, bezahlt nicht nur er mit seinem Körper. Merkwürdigerweise passiert dies dem darum aufgebauten Film „Fantastic Four“ auch. Die Neuverfilmung des bereits zum vierten Mal für die Leinwand aufgewärmten Marvel-Comics über eine Familie voller Superkräfte probiert im Gegensatz zu ihren Vorgängern einen Ernst, der die Fantastik in eine durchweg realistische Perspektive setzt. Für derartige Methodik könnte Christopher Nolan inzwischen erfolgreich Tantiemen verlangen. Jedenfalls stellt dies schon einen Gegensatz zum vergnügten Familienspaß dar, welcher diesem Stoff normalerweise anlastet. Also gründet das Narrativ auf wissenschaftlicher Erforschung und Entdeckung, bis das Unglück geschieht, die neuen Kräfte als Schmerz agieren und seitens der Regierung getestet werden. Die Konsequenz ist, dass ein Großteil des Films in Labors versauert, ehe die erste Prüfung in Standard-Bösewicht Dr. Doom (Toby Kebbell) und mit seinem Portal der Zerstörung stattfindet.

Und so schnell, wie diese Konventionalität abgearbeitet ist, folgt auch die Ernüchterung und das Gefühl einer unbeholfenen Franchise-Etablierung. Dieser Schlusspunkt kommt aber nur unnatürlich, da der gesamte Verlauf des Films nie recht in eine selbstbewusste Form passt. Regisseur Josh Trank, der zuvor mit „Chronicle“ (2012) eine stimmige Handkamera-Variation des Superheldengenres aufbot, experimentiert mit vielerlei Aspekten, doch hat sichtlich Schwierigkeiten, sich ins Studiowesen einzuklinken. Seine Inszenierung zwängt sich in manierliche Blässe und drückt sogar bei den bekanntlich steigerungsfähigen Darstellern die Stimmung. Ein besonders schwieriger Umstand, wenn in solch einem Rahmen noch Witze versucht werden wollen und permanent flach fallen. Das passt vielleicht zu Kate Maras kalten Augen als Wissenschaftlertochter Sue Storm oder Jamie Bells Ben Grimm bis zu dessen Verwandlung in das Steinmonster The Thing. Doch der konzeptuelle Zwang macht vor allem Energiebündeln wie Miles Teller und Michael B. Jordan als Johnny Storm zu schaffen.

Dabei scheint das Konzept allerdings nie wirklich durchdacht worden zu sein. Es wird zwar versucht, den Forschungsdrang der Truppe sinnig zu vermitteln, doch bleiben die Charaktere an einer forcierten Drehbuchsprache kleben, die schleppend in der Kindheit anfängt (siehe ebenso „Pixels“) und dann die Schritte zum Bau der Teleportationsmaschine beleuchtet, um die Gruppe zu bündeln und schließlich die Eskalation heraufzubeschwören. Ein Glück, dass manche Montagen einigermaßen durch neue Kompositionen von Philip Glass belebt werden. Und dennoch dauert der Film gerade einmal 98 Minuten. Bevor nämlich das eigentlich Interessante der Story jenseits der Exposition passiert, hetzt der Streifen verzweifelt durch seine zweite Hälfte, dass man durchaus vermuten darf, die Produktionsfirma Fox habe an Tranks Endfassung rigoros herumgeschnitten. Allein, was sich in den Trailern und nicht im Film wiederfindet, unterstützt diese Theorie – aber auch sonst ist der Schnitt auf der Suche nach sich selbst. Während Trank versucht, den Bodyhorror der Verwandlung als eben solchen einzufangen, ebbt der Fokus urplötzlich ab und zeigt die neuen Helden im Einsatz als plakative Militärtypen, während fast jede Charakterentwicklung zerfällt.

Ein Gespür für Aufregung oder interessante Sequenzen kommt dabei nicht zustande – nur die Gleichgültigkeit eines selbsterfüllenden Handlungsprozederes. Jedoch hält man es zusätzlich noch für nötig, stupide Witze und unnatürlich eingearbeiteten Fan Service zu betreiben. Der Ton des Films ist einfach überall unterwegs und nie wirklich treffsicher. Mal herrscht der Anspruch zum empathischen Dialog, dann wieder zum Genre-Topos, gefolgt von einer Umkehr zum Altbekannten. Und gerade dann, wenn etwas Neues und Interessantes gebildet werden könnte, versandet das Ganze in bleiernem Quatsch, wo vorher noch die Ambition zur Neuentdeckung mit Würde um Hoffnung kämpfte. Da hallt das Echo eines besseren Künstlers nach, der seine Charaktere respektvoll behandeln und zu neuen Höhen transportieren, unbekannte Dimensionen erkunden sowie den Forscherethos in den Mittelpunkt stellen wollte. Doch keiner konnte die Vision offenbar richtig umsetzen, weshalb dieses Reboot im Vergleich zu seinen einfacheren, doch stimmigen Vorgängern chaotisch abläuft und sich in keinerlei Qualität wirklich fassen lässt.

Ob nun Spannung, Humor, Action, Horror, Hard-Sci-Fi oder bewusste Comic-Stilisierung: Alles ist in Maßen vorhanden, aber verstreut bis zur planlosen Homogenisierung. Passend dazu hörte man im Vorhinein oftmals Gerüchte und Berichte einer komplizierten Produktionsgeschichte, von einem unzufriedenen Studio bis hin zu Reshoots und einem Regisseur, mit dem man nur schwierig kommunizieren konnte, dessen Hunde Mietshäuser zerstörten und der seitdem von weiteren großen Projekten abgetreten ist. Man kann es Josh Trank nicht einmal zur Last legen, so zerfahren wirkt die Situation, welche eigentlich von souveränen Genreköpfen der Branche betreut wurde. Nicht nur das macht den Film in seiner verkorksten Form interessant – auch die Auftritte von Komödianten wie Dan Castellaneta und Tim Heidecker wirken so bizarr wie die Angabe von unterschiedlichen Kameramännern für eine gewisse „Phase 1“ und eine weitere „Phase 2“. Allzu bezeichnend für dieses Unding von Film, dessen narrativer und stilistischer Werdegang so befremdet, wie er seine Zielgruppe enttäuschen wird. Eine Ausnahmeerscheinung dieses ansonsten souveränen Kinosommers, welche mit offensichtlicher Brüchigkeit ins Rennen um die Blockbuster-Kohle geschickt wird.

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