Es ist schon verwunderlich, wenn ein Film nicht einmal die niedrigsten Erwartungen erfüllen kann. Liegt es vielleicht am Stigma der Videospiel-Adaption – einem Genre, das seinen Stoff nie adäquat in Film transportieren kann? Oder mangelt es Produktionsfirmen daran, jenseits der Marke, Herzblut in derartige Projekte zu investieren? Dabei dürfte keine Maßnahme leichter vonstattengehen, sind Videospiele doch inzwischen so cineastisch (manch einer würde sagen: degeneriert) geworden, dass man sich direkt an ihnen bedienen könnte. Ein Erfolg ist natürlich nicht garantiert, aber mit Ambition lässt sich immer noch einiges schaffen. „Hitman: Agent 47“ lässt genau diese Ambition vermissen. Der Zweitversuch, die Auftragskiller-Simulationen des dänischen Entwicklerteams IO Interactive auf die Leinwand zu bannen, untergräbt die Leistungen des Vorgängers von Xavier Gens und wirkt so lustlos, dass „Agent 47“ selbst von der Direct-to-DVD-Konkurrenz ausgelacht werden sollte.

Skip Woods, der als Drehbuchautor zurückgekehrt ist, hat offenbar noch mehr von seinem Handwerk verlernt – und Verleiher Fox scheint entgangen zu sein, dass jener Herr mit „Stirb Langsam 5“ reichlich Karten zum Spielen verloren hat. Sein hanebüchenes Skript um die Abenteuer der Wahlberlinerin Katia (Hannah Ware), welche auf der Suche nach ihrer Vergangenheit vom sogenannten Syndicate und somit dem berüchtigten Agent 47 (Rupert Friend) gejagt wird, bietet eine derart schleppende Exposition, dass selbst rudimentäre Bemühungen, Empathie zu übermitteln, vergessen werden. Sicher, unterwegs erzählt der Film Hintergründe und Schicksale in Rückblenden – doch was soll man mit den Charakteren anfangen? Agent 47 kann effektiv töten, erreicht selbst langsam gehend sein flüchtendes Ziel, ist aber ohnehin dermaßen vorausschauend, dass jede noch so weit hergeholte geplante Aktion allmählich witzlos wird. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass der Film Kapital aus bewusster Selbstironie zieht. Denn dafür zieht er zu leblos von dannen – wie sein Hauptdarsteller.

Doch auch der weibliche Gegenpol Katia ist alles andere als ein Lichtblick. Sie wandelt sich zwar im Verlauf vom fragenden Anhängsel zum ebenso fragenden Schläfer-Agenten, doch abgesehen von einer finsteren Miene, kartografischem Talent und einer Stärke zum Töten auf Anleitung funktioniert sie weniger als Figur, denn als Ersatz für den Zocker, der normalerweise den Hitman bedient. Selbst diese Konstellation geht aber nur bedingt auf, wenn man bedenkt, wie viel Zeit für Katias formelhafte Hintergrundgeschichte verschwendet wird, die so trocken durch die Lande zieht, wie alles, was nicht mit Ballereien und Morden zu tun hat. An dieser Stelle sollte auch endlich Regisseur Aleksander Bach erwähnt werden, obwohl seine Nicht-Anwesenheit nur wenig Unterschied machen würde. Gemäß seines Hintergrunds (Werbe- und Musikvideos) hat er vor allem ein Auge für aalglatte Kulissen; besonders, wenn es um Agent 47 und seine Umgebung geht. Ansonsten vermisst man wie vielerorts die Sorgfalt. Bachs Schauspielführung ist höchstens zweckmäßig und in Dialogszenen unfähig, Tempo zu entwickeln.

Ein Gespür für Spannung und Abenteuer lässt der Film ebenso vermissen. Und obwohl die Action ein bisschen Spaß von Bach abverlangen könnte, unterminiert er diesen mit platten Computereffekten (sogar unter Niveau der Vorlage) und einem chaotischen Schnitt. Dennoch könnten diese Szenen mit ihren herrlich dümmlichen Stunts Highlights in diesem gänzlich farblosen Prozedere darstellen, wenn sie nicht deutlich nach Fahrplan abgewickelt worden wären und sich vehement Konsequenzen verwehren würden. Stattdessen sind die Killer stets stilsicher unterwegs und bekommen sogar in einer letzten Verzweiflungstat der gewollten Coolness Tarantino’esken Surfpop hinterhergeworfen, obwohl nur ein Kopfschuss nach dem anderen aufgetischt wird. Ein bisschen lässt sich noch durch Zachary Quinto in der Rolle des vermeintlichen Beschützers John Smith retten, der auf seine Art mit der Kampffestigkeit des Hitmans mithalten kann und jeden Ernst seiner Rolle mit lustvoll aufgespielten „Fuck“-Sprüchen und einer Hingabe zum Schwachsinn fallen lässt.

Er allein kann jedoch diese einfallslose Parade von Berlin nach Singapur nicht am Leben erhalten – und seine charismabefreiten Protagonisten erst recht nicht. Wer nur wegen seinem Lieblingsspiel hier reinschaut, wird sich aufregen, wie schwer der Film am Geist dessen vorbei dreht. Wer einen soliden Actionfilm erwartet, wird mit einem schludrig vollendeten Gericht abgefertigt, das seinen Fun im Standard untergräbt. Und wer überhaupt einen Film erwartet, dem wird nicht einmal dieser Wunsch erfüllt, da sich „Hitman: Agent 47“ selbst so egal ist, dass seine Mid-Credits-Scene als reine Obligation eigentlich gar nichts zeigt – ganz zu schweigen von einer Schlusspointe, die in ihrer Wahllosigkeit keine ist. Im Endeffekt heißt es: Meiden um jeden Preis. Oder die Erwartungen so weit herunterschrauben, dass man sich als Zuschauer selbst egal wird.

Meinungen

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