Lasst uns brettmäßig eine Runde absurfen, Bros und Bronitas, wenn „Point Break“ dieser Tage kurzzeitig aus seiner ikonenhaften Stellung im Actionkino der neunziger Jahre aufweckt und nun ein Revival als Extremsportabenteuer erlebt, das sich nicht bloß auf kalifornisches Wellenreiten und Skydiving konzentriert. Regisseur und Kameramann Ericson Core geht wahrlich „to the extreme“ und lässt sich auf ein globales Spektakel ein, das seine Polyathleten zur Konfrontation mit den Wundern der Natur einlädt. Nun würde es durchaus weniger Spaß machen, sofort den Vergleich mit Kathryn Bigelows Variante von einst zu ziehen, da jeder Nachkömmling nur verlieren kann. Core passt sich wie Bigelow seiner Ära an, die in diesem Fall für Schauwerte mehr übrig hat als für ein abgerundetes Drehbuch mit kohärenter Charakterentwicklung – manchmal dürfen solche Faktoren den Rücksitz abnutzen, wenn es die Action dafür umso ausgelassener rippen lässt. So geht es also ohne falsche Erwartungen in einen Rausch, der sich wie eine Monster-Energy-Dose aus den Farben türkis und orange definiert sowie mit hartem Kontrast die Möglichkeiten des 3-D auslotet, um die Imposanz seiner Szenarien vermitteln zu können.

Cores Inszenierung ist zeitgenössischen Warmduschern wie „Everest“ und „Spectre“ insofern voraus, dass er dem Zuschauer stets die Geografie und die Gefahr bewusst macht, eine demütige Herausforderung dazu bildet, die dem Menschen Respekt vor der Natur verleiht. Als Identifikationsfigur profiliert sich der ehemalige Youtube-Motocross-Star Johnny Utah (Luke Bracey, „The Best of Me“), der nach einer Reihe halsbrecherischer bis fataler Manöver beim FBI anfängt und alsbald eine Gruppe Krimineller ins Auge fasst, die mit sportlichem Risiko Geld und Diamanten stiehlt, nur um diese an arme Völker zu verteilen. Schnell kombiniert der clevere Utah, dass deren Einsätze auf die „Ozaki Eight“ hindeutet, einem spirituellen Pfad zur Wiedervereinigung mit der Natur, den es durch todesmutige Aufgaben zu bewältigen gilt. Johnnys Chef ist überzeugt und setzt ihn auf den Fall an, die Gruppe zu infiltrieren, ihr Vertrauen zu gewinnen, die nächsten Schritte herauszufinden und gegebenenfalls zu vereiteln.

Auf diesem Wege verbrüdert er sich jedoch allmählich mit deren Anführer Bodhi (Edgar Ramirez) und verliebt sich zudem in die ebenfalls anwesende Samsara (aufreizend: Teresa Palmer), womit für ihn persönlich allmählich mehr auf dem Spiel steht, würde er sich ihnen als Agent offenbaren. Kurt Wimmers beinahe fragmentarisches Drehbuch hat für jene Schlussfolgerung nur wenig Zeit und verpackt diese in zweckmäßige Dialoge, die nicht gehaltvoller als das Original davon reden, eine innere Grenze zu finden, der Natur etwas zurückzugeben und seinen eigenen Weg einzuschlagen. Was die zwischenmenschliche Interaktion angeht, kann man sich also auf eine Kicherrunde im Angesicht sich wahnwitzig ernst nehmender Offenbarungen vorbereiten. Das Herzblut des Films ist jedoch keine Lachnummer: Wie Utah und Co. mit Wingsuits durch die Alpen zischen, per Snowboard italienische Bergklippen umkurven, sich an Felswänden und Wasserfällen entlanghangeln und natürlich in die schärfsten Wellen seit Menschengedenken schmettern, bietet athletische Formvollendung, die man auf der Leinwand selten so hautnah erlebt.

Als geistiger Nachfolger Willy Bogners fängt Ericson Core die Ekstase der Natur mit einer Euphorie ein, die stets ehrfürchtig über den Abgrund schaut, aber ebenso mitten ins Geschehen hinein springt. Tom Holkenborgs Soundtrack kommt dem Hang zur epischen Superlative ebenso entgegen und liefert symphonischen Pathos à la Hans Zimmer aus den Neunzigern, gepaart mit herzlich stumpfem Techno. All dies bildet, in Plotholes schlagender Montage, ein Gesamtbild aufrichtigen Nonsens, das weiß, worin seine Stärken liegen – nämlich außerhalb dramaturgischer Finesse und innerhalb reißerischer Knalleffekte, die sich aus der Begegnung zur Umwelt bilden. Keanu Reeves’ und Patrick Swayzes Bromance lässt sich damit aber gewiss nicht ersetzen, auch wenn Core deren Hauptmerkmale rekreiert, den ruppigen Crime-Aspekt aber herunterschraubt.

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