Der britische Dramatiker William Somerset Maugham sagte einmal, die Liebe sei „nur ein schmutziger Trick der Natur, um das Fortbestehen der Menschheit zu garantieren“. Und weil die Natur zu äußerst absurden Entscheidungen imstande ist, offenbart sich die Liebe manchmal an einem Ort, an dem zwei Menschen ihrer instinktiven Notdurft unterliegen: auf einer Toilette in einem chinesischen Restaurant. Dort begegnen einander der Amerikaner Jude (Adam Driver) und die Italienerin Mina (Alba Rohrwacher). Doch ein eigentlich kurzes Shakehands am Waschbecken wird zum intimen Stelldichein, als die Tür nach draußen klemmt. Also müssen Mann und Frau in der Fäkalienwolke eine Lösung finden – in dieser klaustrophobischen Enge, die kaum Reiz, kaum Luft, kaum Konversation billigt. Bis irgendwann ein Mitarbeiter des Restaurants spurt und das Tor in die Freiheit öffnet, ist es um beide jedoch schon geschehen. Und anfängliches Zitat wird zur bitteren Weissagung, in derer insbesondere Jude haltlos zu ertrinken droht, als ob jene erste Begegnung mit der scheinbaren Liebe seines Lebens den Untergang der Titanic einläutet.

Das Falling in love, die traute Zweisamkeit, der positive Schwangerschaftstest, die Hochzeit: Jede Etappe auf der Beziehungsskala meistern Jude und Mina in „Hungry Hearts“ bravourös, glatt, harmlos, eilig. Beinahe wie in einem Werbeclip über die Perfektion des Bündnisses zwischen Mann und Frau. Der „schmutzige Trick der Natur“ aber folgt darauf mittels einer misanthropischen Tristesse, die sich Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ ebenso befähigt wie der konfusen, entrationalisierten Fischaugenoptik aus David Lynchs „Inland Empire“ oder Darren Aronofskys „Requiem for a Dream“. Mina nämlich ist Rosemarie seltsam gleich in ihrem esoterischen Glauben, dass von ihrem Neugeborenen eine besondere, indigofarbene Aura ausgehe und es daher außergewöhnliche, paranormale Fähigkeiten habe, die befremdliche Maßnahmen erfordern würden. Eine dieser befremdlichen Maßnahmen beinhaltet die Ernährung mit speziellen Gemüsesorten, die sie in ihrem winzigen Gewächshaus auf dem Dach züchtet und erntet. Das (merkwürdigerweise) namenlose Kind reagiert plausibel auf seinen Status als Veganer: Es nimmt ab, wächst nicht. Das träumerische Weltbild seiner Mutter – es frisst sein junges Dasein in engmaschigen, schütteren Einstellungen des Italieners Fabio Cianchetti auf. Jude ist besorgt, füttert sein Fleisch und Blut gar in der Kirche mit proteinhaltigen Breien. Denn zuhause regiert längst eine preziöse Faszination für das Okkulte.

Was nach der Liebe kommt? In Saverio Costanzos viertem Spielfilm vor allem die Entsättigung, die Hypopnoe, der Herzstillstand, das Ende des farbenfrohen, optimistischen Alltags. Im Russischen findet sich sogar ein Wort für den Prozess des langsamen Entliebens, welcher hier auf der krankhaften Fantasie einer Frau basiert: Razliubit. So unübersetzbar wie jenes Wort fügt sich allerdings auch Costanzos „Hungry Hearts“ in den Kanon interpretationsarmer Schweremüter ein, denen nicht viel am wahren psychologischen Takt des Menschen liegt. Dafür ruht in der Charakterisierung von Jude und Mina eine Täuschung, die in unkalkulierbare Extreme rückt, doch sich einzig in den verzweifelten Ruf eines Mannes verirrt, der sein Kind mit allen Mitteln retten will. Faszinierend aber, in welche Sphären Adam Driver und Alba Rohrwacher vordringen, mir ihrem entrückten, variationsreichen Spiel, das beiden bei den Filmfestspielen in Venedig die Coppa Volpi einbrachte. Die hungrigen Herzen, sie brennen lichterloh in ihren Porträts.

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