Kaum ein Regisseur in Hollywood erfreut sich zurzeit so großer Beliebtheit wie David O. Russell. Gerade seit dem Erfolg seines Boxerdramas „The Fighter“ im Jahre 2010 wurden seine Filme vielfach ausgezeichnet und allesamt für den Oscar als „Bester Film“ nominiert. Dieses Jahr könnte es allerdings ersten Stimmen nach zu urteilen erstmals wieder nicht der Fall sein. „Joy“ bleibt hinter den immensen Erwartungen der Kritiker zurück – was sich allerdings nur bedingt nachvollziehen lässt. Denn eigentlich ist alles wie immer: Zum dritten Mal in Folge spielt Jennifer Lawrence eine gewichtige Rolle in Russells Filmen. Sie ist die Titel gebende Joy, eine junge, talentierte Frau, die in den späten Achtzigern lebt und wie so viele Menschen ihres Geschlechts ein nunmehr mittelmäßiges Dasein fristet, aber nach Höherem strebt. Unter anderem stehen ihr zum wiederholten Mal Bradley Cooper und Robert De Niro zur Seite, ganz nach dem Motto „Never change a winning team“ also, oder beinahe zumindest.

In erster Linie ist Russell erneut ein sehr unterhaltsamer Film geglückt. Gerade die erste Hälfte rast in einem Tempo, von dem einem schnell schwindlig wird, wenn ein rasanter Kameraschwenk sich an den nächsten reiht, Dialogzeilen sich überschlagen und der schier immer währende Score sein Restliches tut, um Kino zur hibbeligen Erfahrung zu machen. Aber natürlich unterstreicht es auch, in welchem Chaos sich Protagonistin Joy befindet, welchem beruflichen und familiären Stress sie sich täglich ausgesetzt fühlt, wenn unfreundliche Kunden den Flughafenschalter, an dem sie arbeitet, belagern und sie zu Hause für Vater, Mutter, Kind und Ex-Mann Mutti spielen muss, wo es doch eigentlich nur für einen der Vier erforderlich ist. Jeder nimmt sich etwas von ihr, doch keiner gibt etwas. Es ist eine harte, egoistische Welt, die der Film zeigt, in der ein Jeder, der nach Macht, Geld und Ansehen strebt, nur an seinen eigenen Vorteil denkt und sich deshalb selbst die Dinge (von Anderen) nehmen muss. Oder wie es bereits passend im Trailer hieß: „Don’t ever think the world owes you anything, because it doesn’t.“ Und jene wiederum, die den Kampf gegen das Leben verloren haben, vegetieren in trister Zurückgezogenheit vor sich hin, kaufen sich gelegentlich Dinge, die sie nicht brauchen und entfliehen in die Traumwelt des Fernsehens.

Wie in „Silver Linings“ oder „American Hustle“ aber suhlt sich Russell genüsslich in dieser furchtbaren Welt, die in „Joy“ mehr denn je zur Realität geworden ist. Was der Regisseur zuvor mit der Außenseiter-Rom-Com und dem Gangster- und Ganovenfilm machte, wiederholt er nun ein weiteres Mal, wenn er seine American-Dream-Story teils mit großer Verehrung, als Hommage ans Heldentum, an Mut und Courage, wenn man so will, inszeniert und gleichzeitig mit augenzwinkernder Leichtigkeit vorführt. Gerne überspitzt er Figuren und Situationen, verkitscht sie, verniedlicht sie und macht den hinderlichen Aufstieg seiner Heldin zu einem oberflächlich allemal unterhaltsamen Spaß, dessen Ende sich bereits vor dem letzten Drittel mehrfach ankündigt. Denn eigentlich hat Russell mit Ausnahme von Joy und ihrer mit Niedlichkeitsüberdosen versehenen Tochter für den Rest der Familie keine Liebe übrig. Der komisch inszenierte Wutanfall De Niros, der im Scherbenmeer mündet, kündigt es schon zu Beginn an: Das von Anfang an so zerbrechliche Familienidyll hielt lediglich aufgrund der Taubheit seiner Mitglieder stand. Spätestens mit dem Erfolg des heimlichen Familienoberhaupts entpuppt sich die ach so verrückte Rom-Com-Klischeefamilie als ein Haufen raffgieriger Blutsauger, der mit ihrem Fall noch deutlicher seine hässliche, kapitalistische Fratze zeigt, wenn das Individuum, nunmehr unfähig zu geben und ohne einen Cent in der Tasche, von sich abgestreift und wie eine ausgequetschte Zitrone zurückgelassen wird.

Vielleicht, und das könnte den Ausschlag geben, warum „Joy“ hinter der Klasse seiner Vorgängerwerke ein wenig zurückbleibt, ist das Thema zu ernst, um den Feel-Good-Ambitionen seines Regisseurs gerecht zu werden. So wirkt auch das Ende des Films wie ein krampfhafter Versuch, ein Märchen zu seinem Happy End zu bewegen. Immerhin steht dort letztlich eine starke, talentierte Frau, die durch den tiefen Sumpf von Widerwärtigkeit hindurch gewatet ist und sich dennoch ihre Menschlichkeit bewahrt hat. David O. Russell bleibt ein positiver Mensch. Wer kann es ihm verdenken?

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