So sehr mancher die Zeit um Christkind und Santa Claus erwartet, so leicht lädt sie zum Fürchten ein. Beispiele wie „Silent Night, Deadly Night“ und „Nightmare Before Christmas“ gingen dementsprechend in die Vollen, Regisseur und Koautor Michael Dougherty stellt also bereits in seinem Intro zu „Krampus“ Stillleben einer alles andere als christlichen Konsumgesellschaft fest, die den amerikanischen Wahn zu Black Fridays und Cyber Mondays als Schlachtfest der Nächstenhiebe zeichnet. Diese Deutungsabsicht kann wie vieles an diesem Film nur einen Schluss zulassen. Dougherty kann jene Neigung ebenso nie ganz abwimmeln, im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen gelingt ihm dabei jedoch der Übergang zur spaßigen Unterhaltung. Während im Fernsehen Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte läuft, besucht er die typisch moderne Mittelstandsfamilie um Vater Tom (Adam Scott), Mutter Sarah (Toni Collette), Tochter Beth und Sohn Max – mit Nachnamen Engel, den Oma aus ihrer Heimat mitgebracht hat, wie ihren schwiizerdütschen Akzent und eine sie bald heimsuchende Mythologie.

Letzteres nimmt seinen Anfang, da Max am Geist von Weihnachten festhalten will, der für sein Umfeld eher eine Last, denn ein Hort der Seligkeit geworden ist. Als Beilage gesellt sich die Familie von Onkel Howard dazu – ein Waffennarr und Republikaner, wie er im Buche steht. Der Unfrieden kommt mit solchen Rollentypen schnell ins Rollen und Dougherty gelangt simpel zur Fiesheit am Essenstisch, als hätte man sich in die „Schöne Bescherung“ verirrt, ohne deren Detailverliebtheit im Aufbau der familiären Eskalation erlebt zu haben. Punkten kann er jedoch mit einem Brief, den Max an den Weihnachtsmann schicken wollte, allerdings von seinen Cousinen zum Zwecke der Peinlichkeit vorgelesen wird und Probleme innerhalb der Familie anspricht. Obwohl Vater Tom und die Geradlinigkeit des Drehbuchs dem Jungen Hoffnung auf bessere Zeiten versprechen, zerreißt dieser seinen Brief und lässt einen Sturm los, der die Nachbarschaft in Dunkelheit und Schnee hüllt.

Hier ist vor allem spannend, wie Dougherty den aktuellen Trend des Jumpscare-Mythos mit einem einigermaßen ironischen Familienbild balanciert. Glücklicherweise hält er sich dabei zurück und genießt den Einzug der fantastischen Wesen als dynamischen Knalleffekt, während das Ensemble eine gewisse Bodenständigkeit erhält. Dies dient zur späteren Etablierung der Herzlichkeit und soll den Zuschauer anspornen, sich um die Familie zu sorgen, kann aber nicht völlig eingelöst werden. In diesem Fall wäre mehr Biss im Humor erforderlich gewesen. So allerdings folgt ein schleppender Mittelteil, der mit halb garem Ernst und plumpen Gags Empathie und Hintergrundgeschichten aufrollt, obwohl die eigentliche Filmerfahrung auf sich warten lässt. Ganz im Geiste der „Gremlins“ kommen sie dann nämlich gemein vom Dachboden, durch den Kamin und aus dem Schnee ins Haus hinein, jene grausig zum Leben erweckten Symbole der Geschenk- und X-Mas-Kultur, die in miniaturenhafter oder gigantischer Ausführung die Familie in Schach halten.

Ekel, Aberglaube, Überraschung und Schlagkraft geben sich die Klinke im Angesicht der eisigen Kinderfresser – und umso wilder wütet das keck kichernde oder auch brüllende Creature Design. Allesamt sind sie deftige Schöpfungen und Umkehrungen einer Festtagstradition, die in diesem Rahmen kaum als solche geschätzt wird, aber umso hartnäckiger kontert. Unmut und Akzeptanz gegenüber den Feiertagen abzuwägen, ist bei vielen Menschen keine einfache Balance, so wie es Dougherty mit seinem Film auch nicht immer gelingt, sein wahres Potenzial auszupacken. Irgendwo findet man sich bei jenem Thema aber doch immer wieder und kann seinen Spaß haben, wenn die Monster kommen und das Fest zum Höllentrip umfunktionieren.

Meinungen

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