Alle paar Jahre schwingt sich die Liane wieder zur Leinwand, um dieser ein Stück Relevanz für ihren Anhang, den Naturburschen Tarzan, abzuluchsen. Nachdem einige Umsetzungen des Stoffes nach Edgar Rice Burroughs allerdings per Zeichentrick beobachtet haben, wie das Findelkind im Dschungel unter Affen aufwuchs und letztendlich seine Jane, seine wahre Herkunft und etliche Feinde fand, fasst David Yates nun eine andere Perspektive, in der der Tiermensch seiner Natur treu bleibt und trotz streitbarer, übermenschlicher Statur zum Menschenfreund avanciert. Eine stimmige Ansage in einem Jahr ähnlicher Werke („The Jungle Book“) und doch frustrierender Konsens binnen des Stigmas einer Geschichte, die bis zur Belanglosigkeit ausgeschöpft scheint. Daher fällt „Legend of Tarzan“ aufgrund verhaltenen Selbstbewusstseins alsbald in eine Identitätskrise, inwiefern Pflichtbewusstsein, Innovation und Anbiederung unter einen Hut zu bringen sind. Ein Ansatz ist die Form einer Fortsetzung der Abenteuer von John Clayton (Alexander Skarsgård), Erbe der Greystokes, der sich überreden lässt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer Einladung des belgischen Königs zu folgen, um als Diplomat für die Erwirtschaftung von Diamanten zu verhandeln, obgleich der ehemalige Tarzan keinerlei Bestrebungen hat, Sklaverei und Kolonialismus zu fördern.

Das politische Mantra des Films schenkt diesem seine wahrhaftigsten Ansätze, einen geerdeten Bezug aus dem Fantastischen ins Profunde zu erreichen, das Individuum zur Empathie mit dem kollektiven Leiden und der Hoffnung auf eine Union der Völker zu bündeln, durch die Tarzan quasi als Superheld der Steppe agiert. Damit verbunden probiert Yates auch die Besinnung auf innere Ruhe und Natürlichkeit in der Wiedererlangung und Restauration von Tarzans Wurzeln auf allen Kontinenten. Allerdings beißen sich jene Ambitionen mit Zugeständnissen, die für Abenteuerflair sorgen sollen, dem innewohnend Genuinen jedoch ein Bein stellen. Dies fängt in der vielfachen Nutzung von Greenscreens an und hört gewiss nicht bei cartoonhaften Computertieren auf, ehe eine CGI-Version Tarzans an Bäumen und Ranken vorbeifliegt. Gleichsam kindisch geben sich die Actionszenarien in ihrem aufgesetzten Timeramp-Fetisch, der höchstens dann unterbrochen wird, wenn die Verletzlichkeit des Menschen gegenüber fingierten Gorillas in den Fokus gelangt, als würde man sich beim „Revenant“ bedienen.

Nicht, dass jene Eruptionen ein stimmiges Gewicht entladen könnten, schließlich wirken sie wie Fremdkörper in einer Fassung, die sich ohnehin in einer Parade leidlich behaupteter Emotionen abmühen muss, die Origin von Tarzan in Rückblenden darzulegen, wie er auf Jane (Margot Robbie) traf und die Rache eines Stammesführers auf sich zog. Zumindest letzterer Punkt verweist auf die verbindenden Leidenszustände vom Verlust der Geborgenheit und Familie, wie sie sich auch in den Machenschaften des dubiosen Leon Rom (Christoph Waltz) im Auftrag der Belgier nochmals niederzuschlagen drohen. Dieser stellt die interessanteste Figur in einem Narrativ dar, das ihn sogar als erstes einführt, mit weißem Anzug und Rosenkranz in der Hand zu den Tropfen des Dschungels führt, als Ruhepol beinahe ambivalenter Absichten zwischen die Fronten stellt, noch den Ausbeuter an ihm festmacht, in seiner perfiden Diplomatie aber auch das Selbstverständnis zur Kette als unausgesprochenes Fieber gelten lassen könnte. An ihm passieren Grautöne der Ehrfurcht und gleichzeitigen Gewalt über den Dschungel, derart stilisiert, als hätte Wong Kar-Wai ihn aufgefunden.

Solche Tiefen können sich jedoch kaum ausleben, auch da der Film in seiner passiven Schaltung auf pseudo-epische Elemente daran scheitert, die Geschichte der Motivation ihrer Figuren anzupassen, an vielerlei Stellen spart und stattdessen Eindrücke eines stumpfen Befreier-Märchens bringt, in denen sich die Darsteller nur schwer wiederfinden können. Dabei ist Yates nicht einmal um eine gewisse Eleganz verlegen, wie er die Wärme Afrikas in Land und Volk zur Euphorie animiert, Romantik und Ehrgeiz selbst in Janes dialogarmen Pendel aus Furcht und Furchtlosigkeit ballt, den Stiefel des Kolonialismus am stillen Horizont der Kamera verinnerlicht und sogar in der digitalen Action manch Pointe unter tierischer Beihilfe triggert. Die Unkonventionalität dessen muss sich innerhalb des Blockbuster-Rahmens aber auch dümmer geben, als sie eigentlich ist. Würde der Film das Dickicht des Dschungels doch bloß nicht in künstlichen Palmen und desaturierten Nächten nachspielen, so sehr das 3D ihm auch Nähe erlaubt und gleichsam blöde Kindertricks aufzwingt.

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