Wie Ari Folmans Vorgängerwerk ist „The Congress“ eine Mischung aus Spiel- und Animationsfilm. Ein intelligenter, philosophischer Film mit einer dichten und anspruchsvollen Story, die herausfordert. Ein Film, welcher nicht nur Freunden von Fantasy und Science-Fiction ans Herz zu legen ist: trotz oder gerade wegen seiner beeindruckend surrealen Bilder. „The Congress“ ist definitiv einer der Höhepunkte dieses Kinojahres, weil er so erfrischend anders ist und das Potenzial zum Klassiker bietet. Während die animierte Dokumentation „Waltz with Bashir“ (2008) einen Blick in die Vergangenheit wirft und Folmans geheimste Erinnerungen an den Libanonkrieg im Jahre 1982 preisgibt – welcher seiner Zeit als Soldat für Israel diente –, wagt „The Congress“ eine düstere Prognose für die Zukunft des Kinos und die Zukunft einer medial geprägten Gesellschaft. Hier geht es nicht länger um die Bewältigung von Traumata, sondern um die Gefahr eines Verdrängens der Realität.

Die Handlung beginnt relativ überschaubar: Robin Wright, gespielt von keiner Geringeren als sich selbst, ist in ihren Mittvierzigern. Ihre Schauspielkarriere hat ihren Zenit längst überschritten, denn als Mutter zweier Kinder war ihr Familie stets wichtiger als Erfolg. So blieben lukrative Angebote aus. Vorbei ist der Ruhm vergangener Tage, den sie als Buttercup in „Die Braut des Prinzen“ oder als Jenny Curran in „Forrest Gump“ genoss. Zusätzlich erschwert Robins Situation erheblich, dass ihr Sohn Aaron (Kodi Smit-McPhee) als Folge einer zermürbenden Krankheit allmählich sein Seh- und Hörvermögen verliert, genauer gesagt am Usher-Syndrom leidet. Als ihr Al (Harvey Keitel), Robins Agent und Mentor, plötzlich das Angebot unterbreitet sich von den Miramount Studios digital scannen zu lassen, zögert sie zunächst, hält es für eine Farce – denn mit ihrem Scan könnten realistisch und authentisch wirkende Bilder und Filme erschaffen werden. Schließlich würde sie nie wieder der Schauspielerei nachgehen dürfen, wenn sie die Rechte an ihrer Person – der Marke Robin Wright – verkauft. Doch unter der Bedingung, dass sie auf der Leinwand ewig jung bleiben wird und unter der drohenden Gefahr keinerlei Angebote mehr zu erhalten, willigt sie letzten Endes ein. Zwanzig Jahre später, nach Ablauf ihres Vertrages mit Miramount, ist Robin als Ehrengast zum Futurologischen Kongress in Abrahama geladen, einer von Miramount Nagasaki künstlich erschaffenen Stadt. Plötzlich wird aus der Welt, die Robin umgibt, eine einzige Animation. Bald wird klar, dass ihr damaliger Schritt, sich von Miramount verewigen zu lassen, nicht bloß die Filmwelt, sondern die gesamte Realität verändert hat. Was ist noch real und was Illusion?

Inspiriert vom dystopischen Roman „Der Futurologische Kongress“ aus der Feder Stanisław Lems hat Folman einen Film kreiert, der gleichermaßen verstört, berührt, inspiriert und dermaßen die Sinne berauscht, dass man als Zuschauer daran zu zweifeln beginnt, ob nicht doch jemand vom Kinopersonal LSD in die Kola oder das Popcorn gemischt hat. In einer Zeit, in welcher 3D zunehmend Hollywood regiert, gelingt es diesem einzigartigen Film die Fantasie mit klassischen Mitteln zu beflügeln. Er prasselt nicht einfach nur auf seinen Zuschauer ein, sondern hinterlässt eindrucksvoll Spuren bis ins tiefste Unterbewusstsein. Es ist ein Film, der sich als unbekannte Mischung aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und Klaus Manns „Mephisto“ offenbart. Folman zeigt uns eine Welt, in der jeder sein darf wie er will und dabei riskiert zu vergessen, wer er tatsächlich ist.

Wir sehen Szenen aus den Gemälden von Hieronymus Bosch und Botticelli, Figuren wie Popeye oder Betty Boop laufen uns über den Weg, Berühmtheiten wie Elvis oder gar Jesus. Alles was wir aus Kunst, Kino und Popkultur zu kennen scheinen, verschmilzt hier zu einem animierten Potpourri, inmitten von Landschaften und Großstadtkulissen: Es ist eine sentimentale Geschichte des Zeichentricks mit den Helden unserer Kindheit und Jugend, doch bestimmt für das erwachsene Auge, welches im Sekundentakt mit neuen Eindrücken gefüttert wird. Bunt und berauschend – ganz anders als die nüchternen, realistischen, monochromen Bilder, die wir aus „Waltz with Bashir“ kennen.

Sich selbst zu spielen, mag manchem einfach erscheinen. Doch wenn der eigene Charakter, der zu einem Markenzeichen gemacht wird, das eigene Ich mit einem fiktiven Ich zu verschwimmen scheint, wird eine solche Anforderung an einen Schauspieler zu einem schwierigen Unterfangen. Doch Robin Wright meistert diese Gratwanderung, scheinbar ohne sich dabei zu verstellen. Ihr Spiel ist charmant, ehrlich, gefühlsbetont. Sie verleiht dem Film eine unglaubliche Tiefe und lässt den Zuschauer mit ihr lachen und weinen. Sich selbst als erfolglose, alternde Schauspielerin darzustellen, ist wahnsinnig mutig und zeigt, dass diese Hollywood-Dame mehr zu bieten hat, als einst ein schönes, junges Gesicht unter vielen gewesen zu sein. Ebenso ziehen den Zuschauer die Jungstars Kodi Smit-McPhee, der uns in der Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“ (2009) und „Let Me In“ (2010) das Schaudern lehrte, sowie die bezaubernde Sami Gayle in ihren Bann, welche 2011 neben Adrien Brody glänzend ihr Filmdebüt in „Detachment“ feierte.

„The Congress“ ist ein audiovisueller Trip mit Suchtfaktor, der zugleich ängstlich und glücklich macht. Man wird seinen Augen kaum trauen können, wenn Folman Robin Wright und ihre Zuschauer auf diese nahezu unwirkliche Reise mitnimmt. Es gelingt dieser Collage aus Film und Animation seinen Zuschauer zu verführen und ihm auf intelligente Weise die Gefahr dieser Verführung vor Augen zu führen – ihn zu warnen. Wahrscheinlich wird „The Congress“ nicht jedem gefallen, denn er könnte stellenweise als zu langatmig, zu verspult empfunden werden. Man muss sich diesem Film hingeben können, sich auf ihn einlassen – aber dann gibt er seinem Zuschauer wahnsinnig viel zurück.

Meinungen

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