Dieses Jahr verwöhnt einen das deutsche Kino kleinerer Proportionen außerordentlich. Frisch von der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film zieht Uisenma Borchu mit ihrem Abschlussfilm „Schau mich nicht so an“ entsprechend blank und entledigt sich der Konventionen – sowohl narrativer als auch sozialer Natur. Legt sie darin Wahrheit frei, wenn sich der rohe Stil von Kamera und Schnitt mit improvisierten Dialogen und offener Sexualität ergänzt? Muss diese Absicht im Medium Film stets gegeben sein oder gilt als Alternative ausschließlich das Sperrig-Abstrakte? Borchu jedenfalls lässt sich auf eine Balance ein; einen Konsens deckt sie aber kaum ab. Schon das früheste Szenario – als sie in der Rolle der Hedi mit der kleinen Sofia in der Mongolei zur Großmutter unterwegs ist – könnte sich im Verlauf als Traumsequenz entpuppen, doch die einfache Schlussfolgerung bleibt genauso aus, wie es initiativ nach Deutschland geht. In der Nachbarschaft trifft Hedi nämlich erst auf Sofia und ihre Mutter Iva (Catrina Stemmer); der Figurenaufbau lässt dort absurde Spitzen entstehen, wie sie nur der Realität entspringen können.

Sofias Kleinkindlogik liefert insofern schon Impulse alltäglicher Abwegigkeit, wie auch Hedi als Persönlichkeit ohne Vergleich mit steilem Selbstbewusstsein glänzt, Iva hingegen noch mit der Norm der Vorsicht hadert. Jene Charakteristika sind angerissene Grundlagen, für die man sich sonst welche filmtauglichen Wege ausdenken, mit nachvollziehbarer Geradlinigkeit motivieren könnte. Multitalent Borchu umgeht jene Muster durchaus fragmentarisch, konzentriert das Selbstverständnis ihrer Figuren aber dennoch in Schlüsselszenen, ohne dass aus beiderlei Perspektiven etwas zu missen wäre. Und was sich da sehen lässt! Hedi erringt beinahe aus dem Stand eine Vorbildfunktion für Sofia, während sich Iva ebenso allmählich an jene ausgesprochen weibliche Freiheit heran hängt, die ohne jegliches Tamtam die Selbstbestimmung lebt. Klare Ansagen geben dabei den Ton an, ehe sich das Ich abnutzen lässt; gleichsam wird genommen, worauf man Lust hat, ganz gleich welchen Geschlechts und hauptsächlich dem Potenzial des Moments folgend. Dem Reiz wird gewiss nicht jeder gerecht, doch sein Angebot spielt stets mit offenen Karten.

Allen voran Borchu selbst und Catrina Stemmer lassen in ihrer Darstellung der Sinnlichkeit von Kompromissen der Verklemmtheit ab, also ebenso einem vorgeschobenen Pathos in der Entfesselung der Bisexualität. Sex ist Sex, scheiß auf die Scham; auch davor, vielleicht nicht jede Nuance mit absolutem Realismus zu treffen. Dem Spaß kann es nicht schaden, Borchu lässt das Spannungsfeld der Verhältnisse jedoch nicht aus den Augen. Kontraste und Erwartungen von Beziehungsmodellen lassen sich auf eine Begegnung ein, die nur allzu konsequent den Mächten von Zweisamkeit und Willkürlichkeit erliegt und einen Konflikt erschafft, bei dem sich kein Mittelweg finden lässt. Wo die Liebe hinfällt, kann ebenso die Enttäuschung, ein Wandel ohne Wiederkehr, Vertrauensbruch und Gift entstehen. Hedi ist manchmal auch echt ein Arschloch – aber wer ist das nicht? Borchu packt kein Melodram aus, sondern lässt stattdessen urige Umstände ablaufen, die aus den Stationen der Zwischenmenschlichkeit heraus einiges Kopfzerbrechen verursachen könnten. Insbesondere der Umgang mit Ivas Vater (Josef Bierbichler) kommt über holprige Spuren zu Szenarien, deren gelingendes Moment eigentlich kaum telegrafiert werden kann und dennoch die Eskalation antreibt.

Eine gefällige Kohärenz bleibt so oder so Fehlanzeige; Frust kommt aber ebenso nicht auf, so leichtfüßig Borchu den Eigensinn und dessen Vergänglichkeit aufnimmt. Da sie weder auf Ziellandungen noch auf Belanglosigkeiten setzt, besitzt ihr stringentes Chaos Format, so wie die Erdenbürger der Postmoderne gegenwärtig doch verstärkt ungewiss der eigenen Rolle gegenüberstehen, diese infrage stellen, Umstrukturierungen beinahe tagtäglich erleben und erwirken. Dem Zwiespalt noch mit Pietät begegnen zu müssen, wäre da nur widersinnig, wenn er doch auch viel natürlicher über die stetige Transformation der Stimmungen und Unstimmigkeiten vermittelt werden kann. Letztendlich kann das auch fremd, schludrig und vage wirken – doch das Risiko geht Borchu gerne ein. Was hat sie denn zu verlieren, wenn der Zuschauer eine neue Perspektive gewinnt?

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „Schau mich nicht so an“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Kinostart: 08.12.2016

Right Now, Wrong Then

Hong Sang-soo parodiert die Macht der Wahrnehmung, indem er sie egoistisch nacherzählt.

Kinostart: 01.12.2016

Die Hände meiner Mutter

Florian Eichinger blickt realitätsbewusst auf die Anatomie und Konsequenzen des Missbrauchs.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.