Ambitions- und perspektivlos blicken die jungen Menschen in Spanien auf ihre Zukunft: Die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit hat zugeschlagen. Es gibt keine Jobs, kein Geld, um den Lebensunterhalt zu finanzieren, keine Chancen auf Verbesserung. Carlos und Natalia sind gefangen in dieser Tristesse und finden sich in einer aussichtslosen Situation wieder. Noch sind ihre einzigen Probleme ihre jugendliche Naivität, Stress mit der Mutter und die gelegentlichen Jobabsagen. Doch nichts, was sie sonderlich tangiert, oder gar beeinträchtigt. Sie haben ihre „Schöne Jugend“ und machen das Beste aus dem, was sie haben. Gefeiert wird nicht in teuren Madrider Klubs. Aus laut schallenden Autoboxen kracht der Techno der Straße, während die Kids ihren selbst gemischten Schnaps exen. Momentan interessiert es sie nicht, was morgen ist. Auch wenn sie schon Anfang zwanzig sind, manch einer seine Ausbildung bereits beendet hat, suchen sie nach Gelegenheitsjobs, finden keine, doch geben nicht auf. Die Krise hat sie getroffen, doch resigniert haben sie nicht.

Das sich liebende Paar hat keine Aussicht auf eine rentable Zukunft. Sie sind zwei von vielen. Ungelernt und ungebildet; für den sowieso schon überlaufenden Arbeitsmarkt haben sie keinen Mehrwert – wieso also einstellen? Irgendwann realisieren das auch Carlos und Natalia. Da sie nicht ihre Fähigkeiten verkaufen können, verkaufen sie ihre Körper. Für mickrige sechshundert Euro drehen sie einen Amateurporno. Anstatt sich darin zu verlieren, halten sie an ihrer Liebe fest. Lieben sich vor der Kamera. Für die beiden macht es keinen Unterschied. Ihre Liebe ist die einzige Konstante, die sich durch ihre beiden Leben zieht. Beide Familienhäuser sind zerbrochen, haben keinen nennenswerten Kontakt zu ihren Vätern. Familiär sind sie in einem dysfunktionalen Kreislauf gefangen. Tagein, tagaus fallen sie in denselben Trott zurück, der ihre Leben definiert. Bis etwas geschieht, was gleichermaßen schrecklich für sie als auch wunderschön ist: Natalia ist schwanger. Eine Schwangerschaft in ihrem sowieso noch relativ jungen Alter ist problematisch – in Anbetracht ihrer finanziellen Lage sogar katastrophal.

Regisseur Jaime Rosales zeigt seine Charaktere in einem Vakuum. Der normalerweise blühende Kreislauf des Lebens wurde angehalten. Es findet kein Prozess statt, keine Entwicklung. Für Carlos und Natalia hat Rosales keine Zukunft geplant. Sie leben von einem Schritt in den nächsten, hoffend, dass vielleicht einer sie aus der Misere herausholen wird. Vergebens. Denn ihre Unwissenheit lässt sie ihren Glauben an Besseres verlieren. Besonders Natalia sieht keine Perspektive. Sie distanziert sich von der Möglichkeit, Arbeit in Spanien zu finden. Die Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit hat ihr die Hoffnung auf einen Ausweg genommen. Sie orientiert sich um. Sucht in der Ferne nach einer Lösung. Deutschland. Viele Spanier kommen nach Deutschland und finden Arbeit. Doch nach Deutschland zu gehen, bedeutet, ihre Familie zurückzulassen. Carlos ist nämlich nicht bereit, Spanien, seine Freunde und Familie zu verlassen. Er klammert sich an den letzten Funken Hoffnung, den er zu erkennen glaubt. Stagnierten sie zuvor in ihrer individuellen Entwicklung, hielten sich im warmen Hause der Adoleszenz auf, sind sie nun gezwungen, erwachsen zu werden. Vorbei sind Träume, die nie erfüllt worden wären.

Stattdessen sind sie Eltern, müssen Entscheidungen treffen, Verantwortung für ein weiteres Leben übernehmen. Und sie sind dazu bereit. Wissend, oder vielleicht auch nicht, lassen sie sich darauf ein, um ihrem Leben zumindest einen Sinn zu geben. Sie beginnen ein Leben, fern ihrer in Perspektivlosigkeit vagabundierenden Existenz. Eine Zeit lang scheinen sie in Glückseligkeit zu schwelgen, doch ihre Euphorie verkommt bald. Vergessen war das aussichtslose System, in dem sie festhingen. Und nun bricht es voll auf sie ein: Die Notwenigkeit, ein weiteres Lebewesen zu ernähren, lässt die finanziellen Mittel der Großmutter an ihre liquiden Grenzen stoßen. Konsequent agiert Rosales nur auf seine Charaktere bezogen. Denn auch wenn er verloren ihre Gedanken zu erforschen versucht, ihre Gefühle hat er verstanden. Sie sind absolute gesellschaftliche Verlierer und werden auch niemals gewinnen können. Die Schlussszene schließt den Kreis: Natalia ist wieder da, wo sie gemeinsam mit Carlos begonnen hat: auf der Couch. Bereit, sich wieder einmal zu verkaufen. Doch diesmal ohne Carlos. „Schöne Jugend“ lässt Gerechtigkeit missen. Denn jeder Schritt Richtung Besserung macht am Ende nur noch alles schlimmer. Umso sarkastischer und grausamer kann der Titel des Films ausgelegt werden. „Schön“ ist wenig, was ihr Leben betrifft. Doch die schönen Momente im Leben sind die, an die sie sich erinnern werden.

Ähnlich wie seine Charaktere verliert auch der Film an Standhaftigkeit. Rosales erzählt die Zeitperiode von Natalias Schwangerschaft durch WhatsApp-Nachrichten und Bilder. Der Verlust jeglicher physischen Realität hat den Einzug einer Digitalisierung zur Folge und lässt eine Identifikation mit Menschlichkeit und Zuneigung, die ein Mensch während der Schwangerschaft erleben sollte, aus. Versucht sich Rosales durch die Nutzung von Handkameras und Amateuraufnahmen seinen Charakteren auf menschlicher Basis zu nähern, verliert er sie gleich darauf durch den Dialog über Smartphone und Computer. Das mag der Absicht folgen, jene „schöne Jugend“ zu entlarven und ihr zu folgen – aber Rosales entlarvt sich und seine fehlende Sensibilität: Er versteht nicht wirklich, was in jugendlichen Köpfen vor sich geht. Kurios wird es, wenn Rosales selbst Konflikte über WhatsApp austragen lässt. Der Zugang zur Jugend ist ihm verwehrt geblieben, stattdessen distanziert es sich emotional von der Komplexität der Thematik und den Gedanken seiner Personen.

Rosales Stärken zeigen sich in der ersten Hälfte des Films, wenn er auf technische Spielereien verzichtet und nur seine beiden Protagonisten ihre Liebe zueinander leben lässt. Er versteht sie als eine Einheit, auch wenn er Natalia in den Fokus setzt und sie als starke weibliche Hauptfigur agieren lässt. Zusammen funktionieren sie am Besten. Die Eingangsszene ist die vielleicht prägnanteste im Film: Sie sitzen einsam, nur zu zweit, unter einem Baum. Küssen sich, berühren sich. Manchmal lachen sie ganz jugendlich, als könnten sie nicht glauben, einander zu haben. Selbst nach zwei Jahren Beziehung genießen sie jede Sekunde, erkennen, was wichtig für sie ist. Deswegen auch „Schöne Jugend“, denn egal was auch immer die Zukunft für beide bereithält: Ihre Jugend war schön.

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