In seinem fünften Spielfilm inszeniert der Rumäne Cristi Puiu eine orthodoxe Trauerfeier, die sich hauptsächlich in einer Wohnung abspielt. Mit vielen Schwenks und wenigen Schnitten beobachtet der Zuschauer beinahe drei Stunden lang die Auseinandersetzungen der Familienmitglieder aus der Position der Kamera. Und obwohl „Sieranevada“ niemals langweilig wird, überschreitet er seinen Zenit durch eine monotone Dynamik. Die grundliegende Idee erinnert zu sehr an Luis Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“: Durch Zufälle, zwischenmenschliches Verhaken und Feststecken in Normen kommt die Familie nicht dazu, endlich zu essen. Denn die gläubige Mutter Nusa (Dana Dogaru) will den Tod ihres Mannes fromm und gebührlich mit strengen Ritualen feiern. Aber immer wieder entstehen Verzögerungen, weil beispielsweise der zuständige Priester, der das Essen weihen soll, im Stau steht. Gleich die ersten Szenen zeigen jene Redundanz – Bukarest erscheint im Film vollkommen zugestellt. Jeder will sich frei bewegen, geht aber kaum Kompromisse ein. Mittendrin befindet sich das Ehepaar Lary (Mimi Branescu) und Laura (Catalina Moga). Im Auto streiten sie unter anderem über das Disney-Kleid, das Lary der gemeinsamen Tochter gekauft hat; Puiu erzählt mit Witz von einer kriselnden Beziehung, die unter Stress steht. Im Haus angekommen nutzt er mit vielen Dialogen die Zeit, um die einzelnen Familienmitglieder vorzustellen. Schnell wird klar, dass es nicht nur um den Tod des Oberhaupts geht, sondern um die Konsequenzen, die daraus für die einzelnen Mitglieder entstehen.

Konflikte spalten, Emotionen und Charaktere verschiedenster Natur kollidieren. Teilweise sind die Unterschiede der Gespräche und Gefühlslagen sowohl zwischen den einzelnen Zimmern als auch zwischen den Menschen so groß, dass einem die Wohnung überladen erscheint. Auch Lary verspürt dies und probiert, als einer der wenigen, zu schlichten und die Kontrolle über das entstehende Chaos zu behalten. Dem Wunsch seiner Mutter folgend, sie bei der strikten Einhaltung der Rituale zu unterstützen, versucht er, zwischen den Streitenden zu vermitteln – und findet dennoch oft keine Worte. Die Tragik hat humoristische Elemente, deswegen ist sie authentisch, worin Puius große Stärke liegt: komplexe, situative Probleme durch sehr realistische Dialoge zu beleuchten. Dabei steuern die Figuren direkt und indirekt von Diskussionen über das Weltbild und den Terrorismus über Fragen nach einer modernen, rumänischen Gesellschaft und Familie bis hin zu persönlichen Konflikten der Mitglieder untereinander. Interessant ist folgender Kontrast: Das Brauchtum, Nusas religiöse Einstellung, der Glaube an alte, patriarchalische Verhaltensweisen stehen einer weiblich-dominierenden Verhaltensweise gegenüber, die vor allem bei Laura und Larys Schwester Sandra vorzufinden ist. Sandra, die Gastgeberin, schickt ihren Mann wie einen Hund herum – gleichzeitig hat sich das religiöse Temperament von ihrer Mutter auf sie übertragen und weint, weil eine alte Ceaușescu-Befürworterin nicht aufhören will, sie von ihren kommunistischen Ansichten zu überzeugen.

Puiu gelingt außerdem eine weitere Gegenüberstellung; aus zwei Dialogen über das Fremdgehen entstehen zwei Schlüsselszenen des Films: Larys Tante wirft ihrem Mann fast ohnmächtig vulgäre Beleidigungen an den Kopf, Lary erzählt seiner Frau, dass er und seine Mutter vom Fremdgehen seines Vaters wussten. Das starke Schauspiel lässt diese unangenehmen Momente Gefühle tragen, zwischen den Zeilen werden in manchen Szenen viele Dinge angesprochen oder angedeutet, genauso spürt man auf der anderen Seite das Unausgesprochene, Indirekte und teilweise Unehrliche. Dadurch, dass die Kamera an den Schauspielern klebt, bleibt nicht viel Luft zum Atmen. Sehr hektisch wechseln die Situationen, ständig kommen neue Probleme auf und alte zurück. Dabei nimmt die Kamera am häufigsten den Platz im Flur ein, von dem sie sich in jede Richtung drehen kann. Dies trägt zu einem dokumentarischen Stil bei, da es manchmal so wirkt, als würde man dem Geschehen aktiv folgen, also darauf reagieren. Zwischen Verschwörungstheorien über den 11. September, dem endlosen Warten auf die sakrale Weihung, zu großen Anzügen und falschen Kleidern, sich übergebenden Unbekannten, zerrissenen Umarmungen und wahrer Mutterliebe versucht die frischgebackene Witwe Nusa ihrem Mann die letzte Würde zu erweisen. Cristi Puiu macht daraus trotz der negativen Prämisse einen sehenswerten, durchaus unterhaltenden Film, der ein wenig zu lang im eigenen Fangnetz hängen bleibt und sich wiederholt.

Meinungen

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