Knapp sechzehn Jahre nach seinem letzten Ausflug in eine weit entfernte Galaxie, schreitet George Lucas zurück in sein Weltraummärchen. Das Projekt „Star Wars“ begann 1977 als kindlich-naive Männerfantasie, voll von komischen Kreaturen, Weltraumschlachten und Lichtschwertern. 1983 ist mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ eine Ideologie entstanden, eine Religion für all jene, die sich in diese neu erschaffene Welt flüchteten und dem entflohen sind, was als Realität bekannt ist. Männer verloren scharenweise ihre Unschuld an Leia, während sich die Frauen in den draufgängerischen Han Solo verliebten. Jeder wollte so sein, wie ihre ikonischen Helden. Und niemand wollte jemals aus dieser fiktionalen Galaxie entschwinden. Doch sechzehn Jahre, voll von überbordenden Merchandise-Produkten in Kinderzimmern, geschah nichts – bis George Lucas mit „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“ einen neuen Ansatz für seine Weltraummaschinerie fand. Eine Prequel-Trilogie, die erklärt, wie es dazu kam, dass eine schwarze Blechbüchse mit Asthma zum wohl bekanntesten Antagonisten der Filmgeschichte wurde.

Allerdings konnte sich Lucas kaum weiter von seiner Urtrilogie entfernen. Was früher kindliche Naivität besaß, wird nun zu einem kühlen Abziehbild alter Formen. Computergenerierte Effekte, so herzlos wie perfektionistisch, lassen Synopsen brennen, Emotionen aber nur leicht glühen. Lucas scheint sich technisch profilieren zu wollen, aber sein Drehbuch, leer und vereinsamt, vergisst er als das zu demonstrieren, was er einst konnte: die Konstruktion einer Space Opera, voller Emotionen und Sentimentalitäten, Humor und Action, die nicht im Eindruck einer lustlosen Knopfdrückerei am Computer entstanden. Statt seiner werkimmanenten Forderung, einer Geschichte der Menschlichkeit weiterhin treu zu bleiben, distanziert er sich durch Allegorien und Analogien, einer Politisierung des Stoffes und zweifelhaften Ideologisierung einer (vormals) ikonischen Sekte. Durch vorgetäuschte Komplexität der Hintergrundgeschichte versucht Lucas, offensichtliche Schwächen zu kaschieren. Es kommt kein Effet auf, da bedeutungsschwangere Dialoge vor dem Green Screen gehalten werden, die bei einer Rekonstruktion keinerlei Inhalt besitzen. „Die dunkle Bedrohung“ wirft uns ins kalte Wasser, nachvollziehbar ist hier schon lange nichts mehr. Aktion und Reaktion sind beliebig, immer dadurch legitimiert, dass eine politische Auseinandersetzung in einer Thematik folgte, die jegliches Konzept missen lässt.

Aus der Prämisse, die Geschichte des jungen Anakin Skywalker zu erklären, distanziert sich der Film zur sonstigen Menschlichkeit der Saga. Kühl und berechnend, einem strikten Kalkül folgend, bleibt von Lucas’ ehemaliger Mythologie nichts mehr übrig. Eine bereits ausbuchstabierte, voll von Fanideen geschmückte Geschichte, wie Darth Vader entstand und der Vater von Luke und Leia Skywalker sein konnte, hätte George Lucas nur ausschmücken und visualisieren müssen. Dass aber Lucas immer nur Unternehmer und Denker hinter der Idee „Star Wars“ war und nie wirklicher Künstler, zeigt sich an der Fantasielosigkeit seiner Darstellung. Antagonisten sind Schablonen einer alten Ikone, vollkommen fremd einer Akzentuierung von Gegensätzlichkeit, doch jederzeit eine Dementierung alter Möglichkeiten. Im Vergleich mit der Urtrilogie folgt unausweichlich ein vernichtendes Urteil – aber auch einer individuellen Betrachtung kann zumindest Episode I nicht standhalten, da jegliche Möglichkeiten ignoriert werden. Lucas versucht sich einer neuen Darstellung der „Star Wars“-Welt, eine glattgebügelte, objektiv-digitale Welt, die ihren Schmutz und ihre Dunkelheit verloren hat. Die alte Grobkörnigkeit einer rauen Welt weicht einer blitzenden, reinen Weltraumwelt, ohne Ecken und Kanten. Altes Flair kommt erst auf Tatooine auf. Während des Sandsturms und des Podrennens. Ein bisschen Charme findet Lucas dann doch ab und an wieder, aber alles in allem ist das viel zu wenig, um die Qualität zu halten, die diese Geschichte auszeichnet.

Dass die größten emotionalen Ausbrüche der im Nerdkanon als Hasscharakter überhaupt definierten Sidekick-Figur Jar Jar Binks zu verdanken sind, demonstriert die eiskalte Berechnung des Drehbuchs und dessen Verwirklichung. Es fehlen Identifikationsfiguren. Anakin ist ein rotzfreches Balg, dessen Arroganz ihn schon in der ersten Minute uninteressant werden lässt. Und auch Qui-Gon Jinn, der großväterliche Meister, ist ein blasses Abziehbild des späteren Obi-Wan, der in den Prequels zum Lehrer von Anakin deklariert wird und Eigenständigkeit vermissen lässt. Viel zu oft ruht man sich auf dem Ruhm vergangener Tage aus – eine mehr als undankbare Herangehensweise für Fan und Gefolge. Es geht aber gar nicht anders, als mit Fanboyherzen und zwei zugedrückten Augen in das neue Abenteuer zu starten. Denn trotz fehlender Qualitäten und einsamer Kälte hat es doch ein schlagendes Herz, tief drinnen, irgendwo versteckt. Als Fan muss man gewillt sein, danach Ausschau zu halten – denn wie man heute weiß, hat George Lucas es geschafft, in Episode II und III altes Flair zurückzuholen.

Meinungen

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