Ach du grüne Neune, nun siehe sich mal einer diesen Maßstab an! Etwas über dreißig Jahre sind seit dem letzten echten „Krieg der Sterne“ vergangen und jetzt, wo J.J. Abrams die Rückkehr der Jedi-Ritter, Planetenzerstörer sowie vieler weiterer Kreaturen vor langer, langer Zeit in einer weit entfernten Galaxis ansetzt, kennt der Hype keine Grenzen mehr. Wie schwer auch allein die Erwartung wiegt, einer Reihe gerecht zu werden, welche die Goldader des modernen Blockbuster-Kinos aufschlug und ganzen Generationen wie Allgemeinwissen geläufig ist. Weil das Bewusstsein zu solchen Maßstäben nicht präsenter sein könnte, kommt „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ auch sofort in 3-D daher, füllt die Leinwand alsbald mit dem lieb gewonnenen Intro-Prozedere und illustriert wie dazumal die eindrucksvolle Imposanz des Bösen gegenüber der Winzigkeit des Guten. Die Geschichte wiederholt sich für wahr, allerdings nicht – und das zeigt sich schon an jener Einleitung – die visuelle Kleckerei der Prequels. Unser guter J.J. benutzt vielleicht dieselbe digitale Maschinerie, seine Vermittlung der Verhältnisse geht jedoch back to basics, die unter neuen Namen den Kampf von einst weiterführen – nun allerdings mit einer Drastik, welche selbst den Sturmtruppen einen moralischen Dämpfer verpasst. Die dunkle Seite der Macht, vertreten durch Kylo Ren (Adam Driver), macht keine Gefangenen unter dem Titel der Ersten Ordnung, die insofern Fortschritte im Vergleich zum Imperium gemacht hat, dass anstelle politischer Übermacht nun religiöser Extremismus die Richtung bestimmt. Als Reflexion unserer Gegenwart positioniert Abrams also jene im ersten Film etwas ambivalent genutzte Riefenstahl-Optik nun vollständig auf die Fanatiker und macht auch sonst keinen Hehl daraus, dass sich sein Weltraumabenteuer die PG-13-Plakette verdient hat.

Dennoch bewegt er sich ausgiebig auf die Grundnaivität des Ursprungs zu und bietet dafür eine helle Seite der Macht auf, die allein in der heutigen Medienlandschaft erfrischend wirkt. Mit wagemutigem Esprit macht sich Poe Dameron (Oscar Isaac) von vornherein als Fliegerass bewährt, die komplexeren Helden schlummern jedoch in Rey (Daisy Ridley) und Finn (John Boyega). Ehe man die Spoiler-Kiste für den Weg der Beiden ausgraben muss, seien zumindest einige Grundeigenschaften genannt, mit denen sich die Zuschauer effektiv identifizieren dürften: Rey lebt seit ihrer Kindheit ausgesetzt auf dem Wüstenplaneten Jakku, sehnt sich nach dem Abenteuer sowie ihrer individuellen Bestimmung jenseits des Plündererdaseins binnen Ruinen vergangener Kriege, bleibt aber zwiegespalten ihrer Heimat treu, solange sie daran festhält, eines Tages wieder abgeholt zu werden. Auf jeden Fall kann sie für sich selbst sorgen und notfalls ausgezeichnet zuschlagen. Finn hingegen ist trotz seiner hilfreichen Einsicht zum Guten stets auf der Flucht, ob nun vor dem Bösen oder der eigenen Identität, sofern er sie in seinen jungen Jahren schon kennt. Wie sich die Wege unserer Protagonisten kreuzen, wäre unter George Lucas sicherlich etwas mühseliger vonstattengegangen, unser J.J. passt das Tempo in dieser Hinsicht mit elliptischen Verknappungen sowie Pointen an und verknüpft das Schicksal über Bilderparallelen in treibender Bewegung, ohne jedoch die Charakterwerte unterzuordnen. Darin gelingt ihm eine beachtliche Symbiose aus energiegeladenem Abenteuer in fantastischem Ambiente und bodenständig-sympathisierender Charakternähe.

Bei ihm sind es nun einmal Menschen, die menschlich auf Überwältigendes reagieren. Und da verschläft seine Inszenierung zu keiner Sekunde, Gefahren und Offenbarungen mit einer Realität einschlagen zu lassen, welche Dynamik in der ambitionierten Nutzung filmtechnischer Möglichkeiten ausstrahlt – selbst bei den sinisteren Widersachern. Das macht ordentlich Laune und bringt zudem unbedarfte Freundschaften zusammen, die sich in der Überschlagung der Ereignisse allmählich der Familiensaga der Skywalkers nähern. Mit dem Seifenoperfaktor, den selbst George Lucas seinem Universum anrechnet, bricht Abrams gewiss nicht – mit sanfter Gestik lässt sein Wiedersehen so manch Fanherz dahinschmelzen. Die Melodramatik der Sippschaft ergänzt sich jedoch stimmig im Angesicht der neuen Belegschaft, die frisches Blut fern toterklärender Mythologie sowie Respekt für die inzwischen mysteriöse Vergangenheit mit sich bringen. Das zeigt sich ohnehin bereits hinter den Kulissen, welche in Koautor Lawrence Kasdan und Komponist John Williams die Veteranen schlechthin an Bord haben und dennoch von einer kreativen Kraft angeführt werden, welche ihre Einflüsse vor allem aus dem Erbe der ersten Sternenkriege zieht, anhand derer Lucas einst ein Potpourri an Cinerinnerungen zusammenstellte. Ob Abrams somit Eigenständigkeit evoziert, mag jeder hinsichtlich des präsenten 2015-Elans für sich selbst entscheiden. J.J. wäre aber nicht J.J., würde er den Enthusiasmus an der Ausarbeitung jener bewährten Qualitätsmerkmale vernachlässigen. Sein storytechnisches Auge formt Situationen der Entscheidung, des Willens zur Güte oder auch der Ungewissheit des persönlichen Potenzials, dem sich unsere Helden weit weniger selbstverständlich hingeben, als es Luke Skywalker vorzeigte.

Das Erbe anzutreten ist die dramatische Ader jener Kinder von beiden Seiten der Macht, durch die, aus den Handlungen des Einzelnen, ganze Galaxien auf dem Spiel stehen. Und so zieht es Rey und Finn von dem kleinsten Posten unversehens zur großen Aufgabe, dem Krieg der Sterne. Abrams’ stetige Eskalation des Abenteuers hält dann auch nicht mit Bombastsequenzen in gesunden Abständen zurück, obgleich seine Fliegergefechte im Spezialeffektrummel beinahe beiläufig krachen, während der Fokus eher auf die Konfrontation am Boden gerichtet wird. Am stärksten treffen jedoch die stillen Momente ein – diejenigen, die innehalten, Spannung aufbauen und sich an den Gefühlen der Begegnung entwickeln, mit Blicken alles sagen und sich durchaus der kaum verwässerten Konsequenzen jener Ersten Ordnung und ihrer Auswüchse bewusst sind. Visuelles Storytelling ist wie gehabt Abrams’ Stärke, aber seine luftige Choreografie wäre nichts ohne die Liebe zu den Figuren, ob nun den alten oder den neuen, welche allesamt fernab des stumpfen Fanservice an die Macht glauben. Abrams lässt sie mit dramaturgischem Pathos erwachen und packt dafür auch einschlagende Emotionen an – die Balance zur Hoffnung aber, zum Teamwork mit Buddy-Faktor und ohnehin jene zum Selbstbeweis der Persönlichkeit hält er durchweg am Laufen. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht, in diesem Serial des Eskapismus im Wandel der Generationen. Besonders, wie viele neue Maßstäbe damit gesetzt werden.

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