Bei Shion Sonos Filmografie lässt sich nicht gerade behaupten, dass ein Werk dem anderen gleicht, wenn auch einzelne thematische Merkmale wiederholt auftauchen. „The Whispering Star“ ist auch wieder so ein Fall für den viel beschäftigten Japaner, der 2015 sechs Filme (darunter einer fürs Fernsehen) zustande brachte. In monochromatischer Askese zeichnet er hier ein Bild der Postapokalypse und hantiert dabei wie in „Himizu“ mit den visuellen und emotionalen Ressourcen Fukushimas. Anders aber als die geläufige Interpretation einer Dystopie, also jene über die Schlacht unter den letzten verbliebenen Menschen und Regierenden, erfolgt hier die Ermattung im ultimativen Frieden. Eine fast vollständige Stille im Universum, zu achtzig Prozent von Maschinen und nur zu zwanzig Prozent von Menschen bevölkert, zeichnet den Alltag unserer Protagonistin, der Androidin Yoko Suzuki (Megumi Kagurazaka), die in einem heimeligen Raumschiff durch die Galaxie tourt und Pakete ausliefert. Shion Sono neigt sodann zur Akzentuierung der Langsamkeit, wie Béla Tarr im Weltall lernen wir jeden Winkel des Ambientes kennen, in dem Yoko fernab der Menschlichkeit weder vom Zeitempfinden noch von anderen Faktoren des Alterns beeinflusst wird. Zen hat hier durchaus seinen Humor im Wiederholen und Strecken minimaler Prozesse, in der Ruhe liegt aber auch die Tragik einer verlorenen Lebendigkeit.

So bleibt Yoko hauptsächlich die Verständigung mit dem zweckmäßigen Bordcomputer sowie Unmengen an Bandaufnahmen vorbehalten, deren Konversationen dem sonstigen Umgangston mit gedrosseltem Dezibel untereinander gleichen. Jenseits des menschlichen Faktors flattern Motten in der Deckenleuchte, bis sie sterben; kochendes Wasser und mechanisches Kalkül blubbern auf, während draußen Sterne und Milchstraßen funkeln. In dieser Seligkeit sind die Inhalte der Pakete, welche Yoko ausliefern soll, die wenigen Ansätze zum Gefühl – allesamt Trivialitäten, aber immerhin ein Funke Feuer für die Seele, bis das angezündete Streichholz wieder abgesengt ist. Mit solcher Symbolik spart Sono nicht, obgleich er sich im Understatement übt und in wenigen, aber langsamen Schritten eine Ära der Einsamkeit aufzieht. Dafür begibt er sich in die aktuellen Ruinen Japans, welche Schönheit und Schaden zugleich ausstrahlen, ein Gefühl der Freiheit im Erkunden der verlassenen Gegenden evozieren und doch mit einem Trauerschleier auf verlorene Existenzen zurückblicken – wohlgemerkt ohne Emotionalisierung in Bild, Ton und Schauspiel. Ausschlaggebend sind dafür auch die wenigen Seelen, die dort weiterhin umherwandern und (teils wortwörtlich) nur noch eine Silhouette ihrer Vergangenheit ausführen, dem Lieferdienst Yokos mit ihr ebenbürtiger Abgeklärtheit und Geduld begegnen.

Der Halt an der Hoffnung in Paketform äußert sich ebenso mit Bescheidenheit – wohl auch deshalb, weil schon der kleinste Nachlass an Erinnerungen in Sonos flüsternder Zukunftsvision dermaßen geschätzt wird, dass selbst die Zugänglichkeit der Teleportation ungenutzt bleibt. Mit einer Schuldigkeit für jene Umstände mag er die Menschheit hier also nicht belegen, dafür ist die Rationalität ihrer Maschinen ja auch nicht gebaut. Sono orientiert sich ohnehin am Wesen Yokos, eben wie „Wall-E“ oder „Chibi-Robo“ mit gutem Willen Mechanismen auszuführen, in der Eigenversorgung sowie derer von Schiff und Mensch sauber und glücklich zu machen. Im Protokoll steht zudem offenbar ein Lernprozess, inwiefern sie in ihrer Funktionalität als Individuum angesehen werden und ebenso Eigenes hinterlassen kann. Für derartige Erkenntnisse geht Sono gleichsam methodisch ans Ziel, wenn sich sein Konzept auch nicht wirklich für eine Länge von hundert Minuten eignet. An der herzlich reduzierten Fantasie eines intergalaktischen Mittlers der Empathie liegt es gewiss nicht, eher an der unvermeidlichen Gewöhnung an jene Zustände des ultimativen Friedens, den Sono bewusst nicht zu attraktiv erscheinen lässt, damit der Sprung ins Lebendige letztlich umso befreiender in Angriff genommen wird.

Meinungen

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