Es ist beachtlich, mit welcher Menge an Output Takashi Miike Jahr für Jahr kommerziellen wie künstlerischen Ansprüchen gerecht werden kann. Noch beachtlicher ist, was er sich für einen ausgewachsenen Quatsch erlauben darf, der in seiner Umsetzung nicht minder aufwendig inszeniert scheint. „Yakuza Apocalypse“ ist ein neuer Vertreter letzterer Gattung und ein Springbrunnen der Anarchie. Das bedeutet vor allem, dass man als Kritiker immense Probleme hat, auszudrücken, was genau vonstattengeht, wie die potenzielle Themenvielfalt zu deuten ist und ob man gut unterhalten wird. Zumindest Qualitätsmerkmal Nummer drei lässt sich bejahen, wenn man dazu auch ergänzen muss, als Zuschauer jene ausgewiesene Verrücktheit des japanischen Genrefilms in Empfang nehmen zu wollen. Eine Grundvoraussetzung, mit der Miike offensichtlich bewusst spielt und zu absurden Spitzen treibt. Zunächst zeichnet er einen kleinen, abgeriegelten Stadtteil unter Herrschaft der Yakuza, deren Oberhaupt unzerstörbar ist, da es schon seit längerer Zeit als Vampir rumort.

Der unbedarfte wie prügelfeste Scherge Kagayama (Hayato Ichihara) ist dabei als Identifikationsfigur drauf und dran, in höhere Positionen einzusteigen, bekommt aber mehr ab, als er beansprucht, sobald sein Herr von einem dubiosen Wandersmann à la Van Helsing und seinem Gehilfen (Yayan Ruhian, die Kampfmaschine aus „The Raid 2“) gerichtet wird und dieser ihm mit festem Biss übermenschliche Kräfte verleiht. Von dort aus wird die Machtfantasie zum Machtspektakel, als fast das gesamte Areal vom Blut des Vampirs nascht und vernascht wird und die eigentlichen Yakuza ihre Mitmenschen kaum noch in Schacht halten beziehungsweise schröpfen können. Was an sich schon wie ein verrücktes Sümmchen an Wirrheiten klingt, wird im Verlauf des Films nochmals auf Pfaden fern jeder Kalkulation verarbeitet. Miike versäumt es dabei allerdings nie, seine Erzählung so stimmig wie möglich auszubreiten, in ruhigem Tempo charakterliches Gut zu verknüpfen und sein Effektabenteuer mit der nötigen Finesse zu untermauern. Daraus entsteht eine bizarre Behutsamkeit, wie man es vom Mann hinter „Ichi the Killer“ und „Gozu“ gewohnt ist.

Zwar bremst er sich zeitweise aus, um Unbedeutsames mit Genuss zum bedeutenden Himmelfahrtskommando zu stilisieren. Aber Prügel, Plüsch, Plattfüße und Panik im Slapstick-Modus dürfen nicht fehlen, wenn Hämoglobin und Muttermilch spritzen, Vulkane ausbrechen und Faustduelle um einen Megapunch pro Minute ringen. Es ist nicht schwer, bei diesen Eindrücken durchzublicken, vielmehr, was sie als Gesamteinheit überhaupt miteinander zu tun haben. Und fürwahr, die Nonsensparade bleibt in ihrer Vielfalt und vor allem ihren Männlichkeitsidealen eher bewusst bekloppt. Dem Charme kann man dennoch nicht widerstehen, befriedigt er doch die Ungewissheit mit ungewissem Wahn und einigen famosen Pointen darin. Wirklich berauschend geht es vielleicht noch bei näheren Verwandten wie Shion Sonos „Tokyo Tribe“ zugange, doch die bewusste Freakshow ist hier mitunter noch auf etwas unschuldigeren Wegen unterwegs. Es muss eben nicht alles pervers sein, sondern auch einfach mal kühner Quatsch in Reinkultur.

Meinungen

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