Erfolg zu haben, was für eine fortwährende Sehnsucht! Er ist allein deswegen reizvoll, weil die Menschen einerseits das Glück des Erfolgreichen fördern, ihn aber auch über das Menschenmögliche stellen. Immer her mit dem Genius, heißt es – die Tour will begonnen werden, um den Erfolg zu analysieren und seine Ursprünge zu exhumieren. „The End of the Tour“ ist aber auch Ort und Zeit, zu denen der Erfolgreiche zurückkehrt und sein Werk ad acta gelegt wird, da jedes Novum sein Haltbarkeitsdatum hat. Außerhalb dessen scheint die Person nur noch für Schlagzeilen relevant. Regisseur James Ponsoldt („The Spectacular Now“) versucht exemplarisch, vom Menschen am Ende der Tour zu erzählen. Basierend auf dem Zusammentreffen zwischen Rolling-Stones-Redakteur David Lipsky (Jesse Eisenberg) und Autor David Foster Wallace (Jason Segel) fokussiert er die Recherche für ein Porträt, das aus dem Professionellen eine Freundschaft entstehen lassen möchte. Lipsky schätzt Newcomer Wallace Mitte der Neunziger als Vorbild. In der Recherche hofft er nicht nur auf Schreibstoff, sondern auch auf einen Austausch unter Autoren.

Sein Ansporn, Wallace zu entschlüsseln, möchte sich ebenso dem Reiz des Erfolgs und der Bestätigung durch andere hingeben. Die Krux des geselligen, intellektuellen Diskurses ist allerdings, dass Lipsky seinen Gesprächspartner wegen seiner Einsamkeit auszufragen gedenkt. Er will freundlich die Wahrheit und eine Gemeinsamkeit formen, die über das Berufliche hinausgeht. Ponsoldts Inszenierung grenzt den Erfolg dieses Plans kontinuierlich ein, obwohl zu Beginn kaum Schranken des Vertrauens gesetzt sind. Lipsky kann stets sein aufdringliches Diktiergerät zücken, weil es ja zum Job gehört; Wallace weiß auch bei unangenehmen Fragen, dass er zum Interview eingewilligt hat. Also stellt sich ein Einverständnis ein, bei dem die Güte untereinander zur nicht nur berufsbedingten Bromance ansteigt – auch weil die Reise durch Motels, Hotels und überfreundliche Escortdamen alleine kein Zuckerschlecken ist. Je mehr Vorteile sie sich jedoch voneinander abschauen und Lipsky glaubt, tiefer graben zu dürfen, reibt sich ein Konflikt auf, der nicht nur die vollständige Abgeklärtheit zum Erfolg, sondern auch zum Menschen dahinter verlangt.

Jene Streitpunkte bleiben folglich hauptsächlich unter beiden Davids: Ihr Roadtrip zeigt sich als charakterfokussierte, gewitzte Observation durch ein Americana on ice und stellt clevere Dialoge in den Raum. Allerdings dürfte die Spannung dessen nur bedingt erkenntnisreicher sein als das Lesen des darauf basierenden Porträts. Gemessen an den Umständen ließ Wallace niemanden an sich heran, den redundanten Hang zur Erklärung erfüllt der Film aber trotzdem unter dem Mantel einer Demut, solange diese durch zwei geteilt wird. Als Verlogenheit ist dies nicht ganz zu werten – doch es lässt an Selbstbewusstsein mangeln. Letzten Endes ist das nur allzu verständlich, muss das Duo doch nicht nur damit leben, dass es sich zum jeweiligen Selbstschutz voneinander fernhält (und doch verbrüdert) und gleichsam auch vom Zuschauer nur entkoppelt wahrgenommen wird. Man übt sich zwangsläufig in Bescheidenheit. Und das ist noch immer sympathischer als jene Großkotze, die ihren Erfolg auf ewig über sich selbst stellen.

Meinungen

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